Gedichte  


Herbstgedanken 

Ich kann und mag nicht mehr alles wissen,

was hätte sein können oder was gewesen ist,

ich werde von alledem das wenigste missen,

denn ich bin anerkanntermaßen ein Fatalist.


Ich bin taub geworden gegen alle Bitten,

zu biegen und zu brechen mein Leben,

habe wegen nichts und wieder nichts gelitten,

würde gern dir mich und dich mir wiedergeben.


Ich bin taub geworden gegen mich und dich,

mich zu biegen und zu brechen um jedes Wort,

so etwas wie du aus meiner Seele schlich, 

mein Empfinden ging mit dir über Bord. 


Mit der Zeit bin ich nicht mehr mit der Zeit gegangen,

was könnt' es schon geben das mich noch hier hält?

Habe genug an nutzlosen Gedanken gehangen,

jetzt habe ich alles wieder: mich, dich - und mein Geld!


Hund und Frau

Ein Mann hing unverbrüchlich an seinem Hund,

doch irgendwann wurde es seiner Frau zu bunt,

sie sagte: Du musst dich zwischen uns entscheiden,

wen du lieber hast von uns beiden.

Der Mann hing gewaltig an seinem Rüden,

aber auch an seiner Frau, der nimmermüden,

er wollte schon eine Münze werfen,

damit ging er aber der Frau auf die Nerven.


Im Geiste begann der Mann beide zu vergleichen,

wer von beiden sollte dem anderen weichen?

Der Hund hatte ein ganz samtenes Fell,

sie hatte biegsame Beine – seine Nell,

und seit Geburt eine zierliche Nase,

der alte Rüde eine schwache Blase.

Doch in seinen Augen lag ein heller Glanz,

ein verflixter Pfundskerl war er – sein Franz.

Sie war von unerschrockenem Gemüt,

er war von erlauchtem Geblüt,

was für einen mächtigen Fang sie doch besaß,

der Rüde in der Taille fünfundsechzig maß.

Und singen konnte der Franz wie eine Nachtigall,

und Nell apportieren Stöckchen und Ball,

gehorchte auf  "Sitz", "Platz" und "Bleib",

was ist doch der Franz für ein scharfes Weib!


Der Mann fuhr mit ihnen fort, gerade mal eben,

und nahm Nell, Franz und sich das Leben.
 

Selbstmiitleid

Fröstelnd und schwitzend, am Ufer sitzend, sinnierte ich auf einem Stein,

sah den grauen verwaschenen Schnee, den grauen verwaschenen Himmel.

War gewiss das traurigste Seelchen auf Erden und mutterseelenallein.

Auf den Dächern der Häuser lag etwas, das aussah wie grauer Schimmel.


Auch die Vögel, es waren ihrer viele, schienen über irgendetwas zu brüten.

Wehlächelnd erkannte ich Kinder auf Schlitten und Spaziergänger mit Hunden,

zwei Saufbrüder, die sich umarmten, bei sich hatten sie Weihnachtstüten,

Menschen! Verbrauchen sich. Menschen! Sind nur in ihren letzten Stunden.


Die Mutter ist tot und lächelt wie eh und je über meine ständige Unkerei.

Ich fühle, dass ich nichts fühlen werde, selbst wenn es etwas zu fühlen gäbe,
 das zu fühlen ist.

Aber vielleicht morgen oder überübermorgen schon, da bin ich wieder frei.

Und wenn ich so meditiere, ist das ganze Sinnieren ein ganz schöner Mist.
 

Wolken

Wie herrlich sie da oben anzuschauen sind,

nicht eine einzige möchte ich jemals missen,

gleichen sie eben aufgehängten Daunenkissen.

Stehe und staune beglückt wie ein großes Kind.


Schmeicheln mir inmitten ihrer blauen Wiese,

weiße Gebilde, weißer als der reinste Schnee,

die wie Schiffchen dahinsegeln auf hoher See.

Zeig' mir den, der sie nicht als Begleiter erkiese.


Droben am Himmel sie alle ihre Heimstatt haben,

und nur selten ist ihnen vergönnt eine kurze Ruh'.

Stelle mir vor, ich stünde mit ihnen auf Du und Du,

sind die Wolken mein süßer Trost an allen Tagen.
 

Der Storch 

Bei ihrem Anblick geriet er jedes Mal aus der Bahn,

die Störchin schräg gegenüber hatte es ihm angetan.

An einer Pfütze war es, als er die Angebetete erspähte,

und nicht ein einziger Hahn nach der Schönen krähte.

Eine alsbaldige Vermählung setzte er sich zum Ziele,

und dass er ihr mehr und sie ihm nicht weniger gefiele,

sah sich als Oberhaupt von vierzehn Storchenkindern,

ganz nebenbei täte die Elster sie um die Hälfte mindern.

Auf Freiersfüßen gedachte er, sich ihr darzubringen,

und sie jeden Abend pünktlich in den Schlaf zu singen.

Ist' s des Guten zu viel, nimmt man eine Scheibe weg,

sagte sich der Storch, sonst wird die Alte mir zu keck.

Er machte sich klammheimlich auf leisen Sohlen rar,

entkam so der schönen Störchin, die eine Taube war.


Wirrwarr

Frau S. zu Frau A: Über Nacht ganz pelzig geworden, sein Steißbein.

Der Fleischer erfuhr es zuallererst: Verdorben soll sein mein Eisbein!

Er zu Frau A: Wahrlich, die Frau S. hat eine Liaison mit der Frau Z.

Frau A. zu Herrn P.: Der O. schwört, Z.' s Frau war mit Frau S. im Bett.

Frau Z. zu Frau E.: Man erzählt, dass ich Verkehr habe mit einer Frau.

Frau E. zu Herrn F.: Igittigitt, jetzt treibt die es schon mit einer Sau!

Herr F. zu Frau F.: Gott sei Dank, dass du bist in diesen Dingen normal.

Frau F. zu Frau Q.: Nun ist's endgültig raus, denn er ließ mir keine Wahl.

Frau Q. zu Frau W.: Da können Sie gewiss sein, das war nicht das erste Mal.

Frau W. zu Herrn D.: Es ist amtlich bestätigt, dass F. und O. sich lieben.

Wären sie bloß, S., A., Z., P., O., E., F., Q., W. und D., zu Hause geblieben!

Es heißt, S. und Z. hätten sich nacheinander und ohne Abschied erhängt,

F. und O. sich, Ersterer in der Klärgrube, Letzterer im Aquarium, ertränkt,

Frau A. sich mit dem Zwilling von Herrn P. bei Frau Q. im Garten erschossen,

 ein Gericht Frau F. ordnungshalber auf dem Instanzenweg weggeschlossen,

Frau E. und Herr S., Frau W. und Herr D., seien nach Unbekannt verzogen,

Herr Z. mit all seiner Habe zu einer Dame nach Bangkok geflogen.


Verlassenheit

Was ist aus dir nur geworden, hörte ich mich flüstern,

sah mich gramgebeugt durch Nebelschwaden waten,

starrte auf tanzende Irrlichter mit bebenden Nüstern,

schwenkte in verschwiegenes Gelände, war verraten!

Wie blechern sich meine Stimme anhört, wenn ich den
Mund aufmache.

Was mag so auf meiner Stirn geschrieben stehen?

Sonderbar seltsam, wenn ich neben mir aufwache,

feststelle, dass wenigstens noch die Winde gehen.


Hangen wie Bangen, dass nicht aller Tage Abend ist,

aber des Menschen Eigensinn ist sein Himmelreich,

was wird aus dir werden, wenn du nicht mehr bist,

vor dir, du sture Einsamkeit, ich die Segel streich'.


Berührung

Irgendwie fühlte er sich damals unangenehm berührt,

irgendwann hat es ihn, mehr als ihm lieb war, gerührt,

als ihn - einfach - so ein Mensch umarmte.

Dass ihn jemand davor so berührte, lag x Jahre zurück,

Er sagte sich: Ist mickrig geworden dergleichen Glück.

Ihn nie wieder ein Mensch so umarmte.


Heimtücke

Die Mutter leise flüstert: Bitte beeile dich mit dem Beile.

Da kommt die Tochter mit dem Beile nach einer Weile,

mit Muße schlägt sie auf ihn ein, dass es nur so spritzt.

Die Mutter das Messer hebt und mehrere Male tief ritzt.

Kommen danach Säge und Brecheisen auf ihre Kosten,

derweil die andere Tochter bleibt still auf ihrem Posten.
 

Nach einer guten Stunde ist er dann hinlänglich zerteilt,

auch der Sohn, herbeizitiert, länger als üblich verweilt.

Die Uhr zeigt auf genau fünf Minuten nach Mitternacht,

dann endlich ist das Werk, das gemeinsame, vollbracht:

der ganze Kabeljau ist nun zur Gänze vom Eise befreit,

jetzt kommt sie wieder hervorgekrochen, die Heiterkeit.


Die  Mohrrübe

Wie neulich Herr R. die Frau K. um eine Mohrrübe für seine Suppe bat,

hielt Frau K. nicht nur die Mohrrübe, sondern auch noch einen Rat parat,

dass die Hausgemeinschaft sich hätte gegen ihn verschworen,

und ihn auch zum einzig alleinigen Übeltäter - warum, wisse sie nicht
  - erkoren. 

Halb sank er hin, halb zog sie ihn, bis er passte durch ihre offene Türe,

damit die Nachbarschaft und die Polizei von alledem nur nichts erführe,

denn sie könne nicht glauben, dass er glaube, dass alle ihm nicht glauben.

Wenn er schon nicht an sich selbst glaube, was solle sie denn erst glauben!


Nicht umhinkommen werde er, es hinzunehmen und alles auf sich zu nehmen,

wenn er mit der Zeit ginge, würde sich mit der Zeit alles von selbst ergeben.

Herr R. sich auf Morcheln besann und Frau K. tat, als wäre nichts gewesen.

Die Mohrrübe bekamen Frau K.' s Pekinesen, es gab ja noch den Chinesen.


Herr A.

Herr A. war schüchtern und Bastelarbeiten waren sein Lebenskern.

Er bastelte am liebsten allein in seiner Gegenwart – und lebensfern.

Schräubchen, Stifte, Zwecken Herr A. bei ihrem Kosenamen nannte,

sogar mit Augenbinde er jedes am Geruch und Geschmack erkannte.

Hielt Schrauben, Nägel und Stifte in Gläsern, Gefäßen und in Dosen,

mit ihm war nicht zu spaßen, wenn es sich drehte um seine Pretiosen.

Herr A. sich einmal an der Frau Lieberknecht versuchte, mit Zweck.

Da sie eine Schraube lose hatte, legte er die Dame gleich wieder weg.

Nie kam es vor, dass auch nur ein einziges Kästchen stand lange leer.

Besser im Fach eine Schraube als auf dem Dach eine Taube, sagte er.

Vor allem waren Haken und Ösen Herrn A.' s bevorzugtes Revier.

Was dem einen sein Magenkatarrh, ist dem anderen sein Klistier.

Einer Feuersbrunst zum Opfer fiel auch noch die letzte Schraube.

Dahingegangen für immer waren Gewinde, Bolzen und Gaube,

dahingegangen für immer auch der Herr A. und seine Gebeine.

Mit Feile und Zwingen ist's gutes Gelingen, steht auf dem Steine.


Abgang

Als er bei sich sah, wie schlecht es um ihn stand,

und das Sterben sich nicht aufschieben ließ,

er für sich und die anderen keine Worte fand,

der Wind bereits den Tod durch die Ritzen blies.


Wann würde er wohl den Arsch zukneifen?

Er starrte in seine Seele und fand nur Leere,

dem Sterben würde er schon was pfeifen,

wenn der Tod nicht käme ihm in die Quere.


Wäre doch bloß hier bei mir irgendjemand,

eine dolle Lügengeschichte will ich hören,

scheißegal, ob ich diesen Jemand gekannt,

er muss mir nur diesen Kappes beschwören.


Aber auch das Sterben geht einmal vorüber,

vor dem letzten Abgang ließ man ihn allein,

verlor die Partie, denn der Tod steht darüber.

Was? Letztes Jahr schon? Das arme Schwein.


Heiligabend

An Heiligabend an zwei Eichen zwei Leichen hingen,

aus der Ferne hörte man zwei Glocken leise klingen,

Abendrot die festlich gewandeten Leichen beglänzte.

"Was für 'ne schöne Bescherung", eine Eiche ergänzte.


Dressur 

Weder die Liebe noch die Zuneigung hatten Hagen an Tilly gebunden,

sondern der Pegel, welcher immer mit einem Geräusch verbunden.

Das Pärchen hauste in einer Zweizimmerwohnung unter dem Dach,

und stets zur Tagesschau durchzuckte das Haus ein gehöriger Krach.

Es ächzte, stöhnte, quietschte und raunte, bis sich die Balken bogen

und die Nachbarn sich zuflüsterten: Wären die nur schon ausgezogen.

Es fielen Wörter wie "abmurksen", "Blechziege" und "Stecker",

selbst unten die Katze hatte schon taube Ohren von dem Gemecker.

Der Vermieter erwog eine Scheidung im Interesse der Allgemeinheit,

doch Hagen empfand dieses als eine zum Himmel stinkende Frechheit.

War Tilly doch nur ein humanoider Roboter-und dazu noch eine Sie-,

dem öfters die Sicherung durchbrannte, warum, das wusste Hagen nie.


Die zwei Liebenden

Eng umschlungen lagen sie im Schlafzimmer im Bett,

sie keuchten, schwitzten und turtelten im Duett.

Er umschmeichelte ihre Vagina und walkte ihre Brüste,

sie seinen Penis streichelte und ihn auf die Stirn küsste.

 Er, nun aufgetaut, flüsterte ihr eine Artigkeit ins Ohr,

sie lachten beide über den nicht zugezogenen Store,

neckten sich gegenseitig auf mit kindischem Geplänkel.

Da nun spreizte sie geradezu unverblümt ihre Schenkel,

und mit dem, was er tat, war er zufrieden und sie gestillt.

Die Exerzitien zu wiederholen waren beide fest gewillt,

denn nix geht verschütt, auch nicht nach vielen Jahren,

sagten sich die Liebenden, die schon fast achtzig waren.


Das Haar

Seit jeher war Friedhelm ein auf Sauberkeit bedachter Mensch gewesen,

seine Leidenschaft waren Flüssigseifen, Reiniger, Handfeger und Besen.

Und selbst nachts, hemdsärmelig, mit Scheuklappen und Scheuerlappen,

sah Frau O. durch ihr Prismenglas Friedhelm durch die Wohnung tappen.

Einmal aber, als Friedhelm auf dem Parkett kniete und sich niederbeugte,

mit gesträubtem Nackenhaar und gefurchter Stirn den Boden beäugte,

stieß er auf zwei rötlich schimmernde Fädchen,  biegsam und fein.

Friedhelm wurde blass und sagte sich: Die können von einer Frau nur sein.

Von jetzt an war es um Friedhelms und Frau O.' s Schlaf schlecht bestellt.

Er träumte von Brotsuppe und Haft, sie von Moneten und der weiten Welt.

Was er so dachte, was sie so dachte, dachte er auf seine, sie auf ihre Art,

doch am Ende wurden beide, sowohl Friedhelm als auch Frau O., genarrt.

Ein tödliches Gift beschloss die Lebensfrage, als beide Leichen aufgebahrt.



Marotten
 

 Meine Marotte, 

 sagte Ida-Lotte

zu Eva-Lotte,

 ist die Karotte,

 die Schalotte

 die Marotte

 von der Ilse-Lotte,

 nur Else-Lotte

 und Inge-Lotte,

 die kamen nicht zu Potte.


Ex und hopp

Bevor der Mensch aufhörte ein Mensch zu sein,

schwor er beim Leben der Enkel Stein auf Bein,

nie zum Henker der Erde zu werden.

Auch darauf hat der Homo sapiens geschissen,

betäubte mit Aktien sein herrenloses Gewissen,

Lügner wie im Himmel so auf Erden.


Menschen wickelten die Erde in ein Leichentuch,

schrieben ihren Todestag in ein weißes Tagebuch,

doch nur die Menschen weinten nicht.


Baum


AU
MBA
 UMBAU
  MBAUMB
 AUMBAUMB
 AUMBAUM
  BAUMSTERBEN
   B
   A
    U 
   M


Auflösung 

Wenn ich nicht ich bin,

  und ich nicht du,

und du nicht ich sein kannst,

 doch wenn du nicht du bist,

 sondern irgendjemand,

 wer bist dann du, und wer bin ich?


Das  Ahornblatt

Ein Ahornblatt fiel von selbst von einem Ahornbaum,

hat nunmehr ein Ahornblatt weniger der Ahornbaum,

Herr Ahorn sich bübisch nach dem Ahornblatt bückt,

das Ahornblatt Herrn Ahorn und den Hund entzückt,

Ich liebe dich - steht auf dem Ahornblatt geschrieben,

darob Herr Ahorn und Hund sich in die Haare kriegen,

ob der liebreizende Vers an ihn oder ihn ergangen sei,

es kommt zum unvermeidlich letzten Gefecht - auwei!

Bald liegen sie beide mausetot unter dem Ahornbaum,

morgen hat er wieder ein Blatt weniger der Ahornbaum,

denn auf allen Ahornblättern ist Ich liebe dich zu lesen,

nur der Ahornbaum hat ihn gesehen der es gewesen.


Demetrius Pfeifer-Fröhlich

Demetrius Pfeifer-Fröhlich war Alleinerbe und Egomane,

den Tag verbrachte er im Schlafanzug auf der Ottomane,

er dachte an Sophia, die mit seinen Moneten stiften ging,

und an die zierliche Alina, die ihm durch die Lappen ging,

die schaurig - schöne Valentina, der er auf den Leim ging,

zuletzt die Elena, die auf einer Butterfahrt flöten ging.


 Demetrius Pfeifer-Fröhlich machte keine halben Sachen,

den Nachbarn würde noch vergehen das Lachen,

der lange Fritz hatte ihm neulich Avancen gemacht,

auch der Pfarrer stand unter selbigem Verdacht.

Wer zu spät kommt, steht irgendwann hintenan,

sagte Demetrius Pfeifer-Fröhlich, und zündete die Pfeife an.


Der Hammel

W. bewegte der Gedanke, mit Frida, der scharfen,

bei den Schafen unter freiem Himmel zu schlafen,

im lichten Dickicht gedachte er sie zu vernaschen,

splitternackt und lavendelgetränkt zu überraschen.

Indes zog es Frida hin zu dem strammen Hammel,

ihr Interesse galt den Keulen und dem Gebammel,

W. dagegen war geknickt, und beileibe nicht nur er,

ein Neidhammel, er, sagte Frida nach dem Verkehr.


Herr Ohnesorg

Herr Ohnesorg war stinkreich und sein Hobby war das Schwadronieren,

von den Zinsen im letzten Jahr spendierte er sich ein Paar neue Nieren.

Dieses Jahr kamen Herz, Lunge, und eine frische Leber preiswert dazu,

jetzt galoppiert Herr Ohnesorg wieder wie ein junges verschmitztes Gnu.

Vier Landstreicher wurden eigens für ihn eingefangen und ausgeweidet,

seitdem Herr Ohnesorg aus Zartgefühl nicht nur die Seychellen meidet.

Das Schicksal war ihm freundlich gesinnt, als ihn ein ICE-Zug überrollte.

Das wurmte die Tochter, die O. in toto an einen Araber verhökern wollte.


Einsamkeit

Ich bin einsam wie ich,

 du bist einsam wie du,

habe es dir vorgemacht,

 ohne einen Sinn zu leiden.

 

Und du lach' nur über mich,

 das gestehe ich dir noch zu,

doch nimm dich davor in Acht,

 mir meine Einsamkeit zu neiden.


Die Linde und Weiteres

Gar nicht unweit von einer jugendlichen morschen Linde,

im kurzen hohen Gras, nahe an einem reißenden Rinnsal,

saß kniend eine junge Mutter mit ihrem nagelneuen Kinde,

sahen mit großen Augen auf einen vorbeiziehenden Wal.


Im lichten Dickicht, da sonnte sich eine Handvoll Krähen,

und eine Schar buntgestreifter Ziegen spielte Blinde Kuh.

in der Windstille sah ich eine durchsichtige Fahne wehen.

Schleppend verstrichen die Stunden und vergingen im Nu.


Ganz in der Nähe von weither ertönte lautlos ein Martinshorn,

derweil die Bauern auf ihren bestellen Feldern sitzenblieben.

Ein Glatzkopf mit wallender Mähne und einem Veilchen vorn

ließ Papierschiffchen zu Wasser, die alle talaufwärts trieben.


Die alte Löwin 

Im Schatten einer Akazie die alte Löwin lag,

ein Gerippe, welches jämmerlich anzusehen,

kam sie an diesen Ort, so wie fast jeden Tag,

würde der Sandsturm ihre Spuren verwehen.


Streifte ihr verlorener Blick die endlose Weite,

ein letztes Mal richtete sich die alte Löwin auf,

aufgeschlagen im Lebensbuch die letzte Seite,

nahm das Sterben unwiderruflich seinen Lauf.


Morgens fand ich die Löwin unter dem Baum,

wie im Schlaf auf die Brust gesenkt das Kinn,

ich hielt sie in den Armen und spürte es kaum,

geht mir der Anblick nicht mehr aus dem Sinn.
 

Alter

Ach-du-dickes-Ei, rief bestürzt die Käthe,

als sie jetzt nicht nur ihre Beine mähte,

und ein Gelege Altersflecken erspähte,

erhängte sich frühmorgens – die Käthe.

Der Fleck

Frau Mück, welche kam eben vom Einkaufen zurück,

hielt in den Händen ein Filet vom Zander am Stück,

als sie vor des Nachbars Türe entdeckte einen Fleck.

Frau Mück holte tief Luft - nur der Fleck ging nicht weg.
 

Tags darauf fand sie eine von den Treppenstufen lose,

zu Fall brachte Frau Mück indes eine Konservendose,

die achtlos weggeworfen ihre Essenszeit durchkreuzte.

Wie der Herr, so's Gescherr, Frau Mück hörbar seufzte.


Ein Getöse, welches erklecklich an ihre Ohren drang,

Frau Mück erst um Fassung und dann die Hände rang,

von den Ziegeln oben auf dem Dache fehlte jede Spur.

Das stinkt gewaltig zum Himmel, es Frau Mück entfuhr.


Vor nichts und niemandem machten gewisse Leute halt,

selbst den Gockel oben auf dem First erwischte es kalt,

und über den Deister ging, was nicht niet- und nagelfest,

doch ein Vorfall ohnegleichen gab Frau Mück den Rest.


Wo einst das Haus stand, steht seit kurzem eine Ruine,

nur das Leben von Frau Mück verläuft in steter Routine,

und wenn sie in ihrem Stuhl sitzt, nunmehr ohne Zähne,

rieselt dann und wann aus ihrem Auge eine dicke Träne.


Der Teddybär 

Herr Sch. hegte nicht den geringsten Verdacht,

hier und da hatte er gern die anderen verlacht,

und nicht der leiseste Zweifel sich in ihm regte,

dass er alles woandershin als sonst üblich legte.

Irgendwann er nichts mehr von dem wiederfand,

Sch. mit sich und der Welt auf Kriegsfuß stand,

der Nachbar habe es auf sein Geld abgesehen,

und dieser könne bequem durch Wände gehen.

Auch daran erinnerte sich Sch. bald nicht mehr,

geblieben war ihm nur ein hellbrauner Teddybär,

mit diesem Herr Sch. jetzt auf einer Stufe stand,

die Nichte das Ganze irgendwie erheiternd fand.

Geübte Hände ihm den Teddybären entwanden,

gehorchten sie den Leuten, die darüberstanden.


Ein Held

Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre ein Held,

und wie sich die Sache um meinetwillen verhält,

hätte ich ganz nebenbei die Taschen voller Geld,

müsste nie mehr hausen in einem kaputten Zelt,

ein Held - I C H, der alles in den Schatten stellt,

würde zu mir aufschauen die ganze weite Welt,

ich wache auf, weil mein Hund mal wieder bellt.


Missgeschick 

Hallo!...Huhu!...Hm…Boing!...Mist…

Hey?...Ach…Ähm…Ah!...

Na?...Hi…Autsch!...Nanu?...Oh!...Scheiße

Tschüss...Tschüss


Engel und Geister

Frau K., die ein Faible für das Esoterische besaß,

nicht weniger sich ihre Weltsicht danach bemaß,

für das Übersinnliche tat Frau K. sich begeistern,

parlierte mit Engeln und raunenden Geistern.


Vor allem das Feinstoffliche hatte es ihr angetan,

ihr letztes Erspartes an einen Schamanen vertan,

da bekam Frau K. von ganz oben her einen Wink,

dass das Schicksal aller am seidenen Faden hing.


Frau K. nahm daraufhin die Nachbarn ins Visier,

denn die Außerirdischen waren schon längst hier.

Und solcherweise der Lebenswirklichkeit entrückt,

rief Frau K. "Ich bin die Auferstehung!" beglückt.


So sahen die Leute sie auf dem Dachfirst stehen,

im grauen Kranich-Kostüm ihre Pirouetten drehen,

denn dort hinauf zu den Gestirnen zog sie es hin,

mit einem Paar Flügel, danach stand ihr der Sinn.


Doch landete Frau K. stattdessen nur im Flieder,

ganz unprätentiös im Mieder und ohne Gefieder,

erblickte sie dunkle Gestalten auf ihren Schlitten,

und Wesen mit roten Hüten, die auf Ziegen ritten.


Der öffentlichen Ordnung wegen zu guter Letzt,

kam Frau K. auf Staatskosten woandershin jetzt.

Das Haus, in dem sie wohnt, elektrisch gesichert,

"Ist wegen der Geister", wie der Arzt versichert.


Frau K. allabendlich mit fremden Mächten ringt,

der Nachtwache alles Blut in den Adern gerinnt,

denn ein Lichtschein irgendwo in der Ferne,

- nun lacht sie - 

kommt von der Straßenlaterne.


Ordnung 

Einmal vom Zustand der Ordnung befreit,

da lebt es sich mit Verve und Leichtigkeit.

Wolle man das machen zur Gepflogenheit,

sorge es nebenbei für Zukunftssicherheit

und schaffe den Raum für Bequemlichkeit.

Beim Schopfe packen jetzt die Gelegenheit,

man rechne mit einem günstigen Bescheid,

doch dafür war gerade nicht die Jahreszeit.


Sackgasse 

Ich bin einsam,
 
 ich bin nicht einsam,

ich bin einsam,

 ich bin nicht...

 Einsam ich bin,

 einsam ich nicht bin,

 einsam ich bin,

 einsam ich nicht...

 Bin einsam ich,

 bin einsam ich nicht,

 bin nicht ich einsam,

 ich nicht...

 Ein bin ich sam,

 ich sam ein bin,

 bin sam ein ich,

 sam ich ein bin...


Am Ende

Sie saßen Abend für Abend bequem in ihren Logen

und hatten ohne Anstrengung Tag für Tag gelogen,

über eine lange Zeit hatten sie viele Leute betrogen

und dabei nicht ein einziges Mal eine Miene verzogen.

Doch irgendwann war die ganze Sache aufgeflogen,

hatten zuletzt in aller Öffentlichkeit Stellung bezogen,

denn das Staatsinteresse habe bei allem überwogen,

nur das Recht machte um sie einen großen Bogen.


Die Trappe und der Rappe

Neben der Kappe
 
 eine Trappe

wegen Schlappe,

als kam Rappe

große Klappe

aus Pappe Attrappe.

Da machten beide eine Flappe.
 

Das Frettchen 

Als ich so döste auf einem Fleckchen,

träumte ich dort von einem Frettchen,

das schlotternd und mit leerem Magen,

so ging das schon seit einigen Tagen,

im finsteren Bau das Frettchen zuletzt

saß bibbernd für eine Weile fest.

Doch irgendwann wurde es mir zu bunt,

zu vieles Nachdenken ist nicht gesund.

Es heißt der Käse ist damit gegessen,

da könnte mich gleich jeder erpressen.

An meine Ohren drang lautes Gebell,

mein eigenes – das fand ich originell,

zu Besuch die Cousine aus Gütersloh.

Ich sah hoch zur Uhr und war heilfroh,

mein Frettchen durchschaut zu haben,

denn ich mache meine Hausaufgaben.

Es roch nach Thymian und Hühnerbein,

mit Letzterem hatte ich ein Stelldichein,

ein Stündchen unter der Höhensonne,

und ich juchzte und glucktse vor Wonne,

um vier war die Cousine entschwunden.

die Cousine übrigens ist frei erfunden,

und das Frettchen hat es nie gegeben,

da habe ich wohl falsch gelegen.


Feindesland

Das Mädchen spielte am Straßenrand,

ein Eimerchen mit Henkel neben sich,

nicht weit winkten Narzissen herüber,

die zum Greifen nahe auf Feindesland,

das Mädchen auf leisen Sohlen schlich,

zwei Rabenkrähen glitten an ihr vorüber.

Für einen Strauß würde es schon reichen.

Das Mädchen verharrte für eine Sekunde,

ließ eine weitere Sekunde verstreichen,

stand plötzlich da mit offenem Munde.

Die Kugel traf die Kleine mitten ins Herz,

die Narzissen hielt sie noch in ihrer Hand,

an jenem frühlingsmilden Tag im März,

das Mädchen, das niemand gekannt.


Berufung 

Als die Ingeborg einmal vor sich hin präludierte,

die Dame über einen Absatz vom Vortag sinnierte,

in einer Illustrierten, die sie hingebungsvoll studierte,

jener erhabene Ausdruck die Ingeborg faszinierte,

welcher unsichtbar zwischen den Zeilen flanierte,

der dem Auge entzogene die Ingeborg inspirierte.
 

Das Vakuum zwischen den Zeilen sie deklamierte,

mit dem die Ingeborg in Kaufbeuren promovierte,

der Duft von Salbei und Fenchel ihr Hälschen zierte,

selbst der Stadtrat das illustre Madamchen hofierte,

dort man das phänomenale Ereignis paragrafierte,

das Nichts für alle Zeiten im Land regierte.


Ein Roman

Noch nie zuvor hatte jemand so eine Geschichte erfunden,

vergriffen daher die erste Auflage binnen weniger Stunden.

Sein halbes Leben habe sich der Autor dafür geschunden,

und zum Glück aller sei dieser auch noch naturverbunden.

Ein epochales Werk - so hatte es die Fachwelt empfunden,

des Tamtams wegen war das Genie bei Nacht entschwunden.

Herr P. plante seinen Horizont zu beleben und zu erkunden,

mit dem er sich in letzter Zeit im Kriegszustand befunden. 

So zählte Herr P. nun zu des Dichters handverlesenen Kunden,

eine Prise von jener Lektüre würde ihm ohne Frage munden.

Aber außer Wörtern hat Herr P. nichts Bedeutendes gefunden,

sein Fazit: Auch mit Stippe kommt einer über die Runden.


Gedanken 

Ungelegen mir nur der Gedanke,

 säuselte von gegenüber die Anke, 

 die im Oberstübchen etwas schlicht,

bescheiden war folglich ihre Sicht.


Heute gibt's nur Schwadronieren,

 tun den ganzen Tag lamentieren,

Gedanken, sagte die Anke sich,

 sind ohne Belang unterm Strich.


Mit dem Denken lag sie im Streit

  und ging mit dem Geist der Zeit,

Gedanken taugen nicht für jeden,
 
 so wenig wie die Sonntagsreden.


Gedanken, welche in weiter Ferne,

 konkurrieren, als wären sie Sterne, 

dort ein Stern dem anderen gleicht, 

wo ein einziger Gedanke reicht.


Das dachte von drüben die Anke,

 demgemäß sie niemals schwankte, 

Gedanken, die des Guten zu viel,

 haben zumeist ein leichtes Spiel.


Das Dingsbums

Den Stoiker das Dingsbums in die Backen kneift,

in Freiheit das Dingsbums von den Dächern pfeift,

gelangt das Dingsbums erst im Schwarm zur Blüte,

kommt es der Frau Schulrätin nicht in die Tüte.

Der Zeitgenosse das Dingsbums niemals hinterfragt,

wird nunmehr die Sache ein ums andere Mal vertagt,

hängt das arme Dingsbums just in der Warteschleife,

auf dass der Mensch schleunigst die Flucht ergreife.

Bald niemand mehr weiß, wer-wie-wo-was gewesen,

so heißt es doch: Außer Spesen nichts gewesen.


Frust

Das Leben, durch das ein Mensch spaziert,

ist vom Kern her müßig und kompliziert
 
Der Mensch die letzten Lebenskrümel pickt,

und diese um den halben Erdball schickt,

entbehrlich vom Scheitel bis zu den Sohlen,

sitzt nur der Mensch auf heißen Kohlen,

die vertanen Jahre haben ihn ausgelaugt,

der Mensch nicht zum Menschsein taugt,

das Leben unwiederbringlich zur Neige geht,

das Karussell auch ohne ihn sich weiterdreht,

am Ende der Mensch das Spiel durchschaut,

das Leben ist auf Sand gebaut.


Die Reise

Als er in London ankam,

 und er nicht durchkam,

ein Mann herunterkam,

 er etwas abbekam,

 um das er herumkam,

 bei dem nichts herauskam,

 er in London umkam,

 niemand etwas davon mitbekam.


Mein süßes Pantoffeltierchen

Einmal, in meiner einstigen Hochzeit, ich

dich mit einer schönen Schwänin verglich,

die unverblümt in meine Kaldaunen schlich,

und bald war die Sache eindeutig für mich,

kein Tag ohne unser beider Liebe verstrich.

Mit dem Alter die Liebe der Gewohnheit wich,

aber auch diese Etappe hat etwas für sich,

mein süßes Pantoffeltierchen - ich liebe dich.


Bildung

Bringt der Mensch sie erst einmal in Verkehr,

erlangt die Bildung ihren Wert gleich im Transfer.

Stets willkommen macht sie vor niemandem halt,

 Öffnet sie sich indes für  manche  nur einen Spalt,

geht sie an einigen Zeitgenossen spurlos vorbei,

denn die Bildung ist ihnen dubios und einerlei.

Doch im Überfluss genossen zu jeder Stunde,

ist nun der Mensch als Mensch in aller Munde.


Ganz analog verhält es sich mit dem Geld,

aber das ist bekanntermaßen ein weites Feld.


Wörter 

Regulär es heißt: "Wo kein Kläger, da kein Richter",

machen Wörter dann und wann lange Gesichter,

werden gedrechselt, verwechselt und verdreht,

kein Buchstabe mehr an seinem Fleckchen steht,

segeln sie seit Menschengedenken mit dem Wind,

in ihrer Bedeutung schon längst mehr keine sind,

geboren und zu Grabe getragen mit der Zeit,

gab der Mensch den Wörtern das letzte Geleit,

allein ging meines an einen unbekannten Ort,

ging, ehe ich´ s so richtig begriff, für immer fort.


Reminiszenz 

 
Wie wir als  Kinder Räuber und  Gendarm spielten,

in dem  Wäldchen bei den  türkisgrünen Seen,

lag nicht weiter  Burgruine  unser  Quartier, 

wo wir uns manchmal an den Händen hielten, 

uns neckten, wer den Rübezahl zuerst gesehn,

stapfte der mit grimmiger Miene durchs Revier. 


 Gewöhnlich die Jungen bei den Mädchen saßen,

ein zaghaftes Berühren, hier ein flüchtiger Kuss, 

lustvoll wir die vor uns liegende Zeit vergaßen,

als wär's im Grunde schon immer so  gewesen. 


 
Hab' dieses eine Bild da oben sorgsam  gehütet, 

steht es ganz vorn auf meinem  Flüsterberg,

hat's mir draußen die Welt nicht vergütet,
 
blieb dieses Bild mein einziges Werk. 


 Ein letzter Traum 

Herrje, was winktest du mir zum Schein,

zauberisch und mit einem Augenlachen,

begriff nicht die Jahre, die vor mir lagen.

Sieh her, geschrieben auf diesem Stein,

komm und hol mir meine Siebensachen,

das eine bloße Leben wollte ich wagen.


Hab' mich an leeren Worten gerieben,

Worte, die sich ins Eingeweide fraßen,

nur die Leute es irgendwann vergaßen,

ist dieser Teil bei mir hängengeblieben.


Nach Liebesdingen ich heimlich gierte,

kam eins um andere Mal darauf zurück,

zuwider mir alles großschnäuzige Glück,

mit Lust ich mich darin vergaloppierte.


Hielten mich meine Träume am Leben,

solche Träume, die ich eigens ersann,

blieb gleich einer Motte daran kleben,

wortlos die eine Zeit dahinter zerrann.


Heimisch bin ich nirgends geworden,

wann endlich geht das verlorene Kind,

das jenen einsamen Stern umworben,

draußen die eine Welt kalt und blind.


Die eine unsere Zukunft mir dir teilen,

den einen Gedanken für immer heilen,

hab' nie in das Leben hineingefunden,

der Sonderling, als der ich überall galt,

ein kurioser Kauz in Menschengestalt,

wo bist du in meinen letzten Stunden?


Texte


Politikerdasein

Dass Politiker von da kommen, wo der Pfeffer wächst, und sie sieben Leben haben, das würde selbst einem arglosen Einfaltspinsel, der gerade mal bis drei zählen kann, nicht in den Sinn geraten. Trotzdem ist nicht gleich Jacke wie Hose. Manch einer mag sogar behaupten, dass Politiker, die Grütze im Kopf haben, nur alle Jubeljahre geboren werden. Aber ist so ein Möchtegern-Philosoph nicht auf dem Holzweg? Ganz bestimmt ist er das! Andere dagegen meinen, dass Politiker wie Pilze aus dem Boden schießen, wenn ein warmer Regen winkt. Aber auch diese Leute sind auf dem Holzweg.
In e
rster Linie kommt es darauf an, ob jemand das Zeug dazu hat, ein Politiker zu werden, und wer nicht. Bereits in der Frühphase lernt der zukünftige Politiker, wie er seine Angelegenheiten vor aller Augen unter den Teppich kehrt, ohne dass es den anderen auffällt. In einem zweiten, entscheidenden Schritt erarbeitet er sich die Fähigkeit, einem Rivalen ein Gerücht unterzujubeln, das er sich selbst aus den Fingern gesaugt hat. Während er hier und da Öl ins Feuer gießt, schaut er stets drein, als könnte er   kein Wässerchen trüben. Damit ist die Laufbahn als Politiker in trockenen Tüchern.
Irgendwann zieht er, dank einiger Lobbyisten, mit viel Brimborium ins Rathaus ein, wo er sich für die nächste Etappe als künftiges Staatsoberhaupt warmläuft. Klappern gehört zum Handwerk, wenngleich er von Tuten und Blasen keine Ahnung hat und vom Geschäft so viel versteht wie das Rindviech vom Walzer. Ein Politiker, der zu Größerem berufen, sitzt auf seinen Ohren und gibt sich, will man ihm auf den Zahn fühlen, so redselig wie eine Bronzestatue. Es ist immer klüger, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten und den Hund hinter dem Ofen zu belassen, als ihn von dort hervorzulocken. Letzteres geht unausweichlich in die Hose und endet wie seinerzeit das Hornberger Schießen. Daher ist es immer vorteilhaft, jemanden zu kennen, der weiß, wo der Barthel den Most holt. Nichts übers Knie brechen, so lautet die erste Maxime eines Politikers, und die zweite hält ihn dazu an, nach dem Frühstück die Hände in den Schoß zu legen und darauf zu warten, dass ein Wolpertinger die Straße entlangkommt. Ein Politiker denkt nicht laut, vielmehr denkt er nicht einmal von der Wand bis zur Tapete, wenn von ihm etwas erwartet wird, stattdessen lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Der Politiker schwebt lieber über den Wolken, als dass er aus allen Wolken fällt. Einmal vom Zustand der Ordnung befreit, lebt es sich mit Leichtigkeit, denn wo kein Hase, da kein Jäger. Auch kippt er gern mal einen hinter die Binde und führt andere hinters Licht, bevor ihnen ein Licht aufgeht.
Zuweilen hört der Politiker das Gras wachsen, wenn etwa ein Bittsteller um eine Audienz ersucht oder irgendein x-beliebiger Interessenverein seinen Besuch ankündigt. So etwas verhagelt jedem Politiker die Petersilie. Ein Unglück kommt selten allein, und des drohenden Unheils gewärtig, greift er schlankweg in die Trickkiste auf seinem Schreibtisch, um sich standesgemäß aus dem Staub  zu machen. Beispielgebend lässt er die Fahne vor seinem Amtssitz auf Halbmast setzen und die Neuigkeit verbreiten, dass er den Beruf als Politiker an den Nagel gehängt habe und Gewehr bei Fuß stehe, um der altersschwachen Frau Mama in ihrem allerletzten Gefecht beizustehen. Das ist natürlich eine Finte. Und überhaupt können ihm alle Damen und Herren, die aus jeder Mücke einen Elefanten machen und ihm die Rosinen neiden, mal den Buckel runterrutschen. Damit hat er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Rasch lässt er noch eine Allee und ein Brauhaus nach sich benennen, dann geht er.
Er geht, und mit ihm gehen ein Silberbesteck, ein antiker Teppich aus Tibet, ein Hinterlader aus dem Deutsch-Französischen Krieg mit eingravierter Signatur und ein Schwimmabzeichen in Gold. Wenn es ihm gelingt, sich im Beisein der Sekretärin etwas anzueignen, das ihm nicht gehört - und diese Übung hat er soweit  vervollkommnet,  dass sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist -,  da lacht dem Politiker das Herz im Leibe.
Ein Politiker lässt sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen. Und weil eine Hand die andere wäscht, sieht das staunende Publikum zu, wie er anderenorts im Handumdrehen seine Zelte bei einem Sozius aufschlägt. Wo ein Baum wächst, da wachsen auch zwei, und umso mehr Schäflein schaffen es ins Trockene. Dass Politiker die Radieschen lieber von oben als von unten betrachten, steht ihnen auf der Stirn geschrieben, aber auch sie müssen irgendwann in den sauren Apfel beißen, wenngleich sie nichts zu befürchten haben. Das letzte Hemd eines Politikers hat seit Adams Zeiten zwei Taschen. In der einen steckt ein Notizblock, und in der anderen Bares. Für den Fall, dass es mit Haus und Hof Matthäi am Letzten ist, während die Nachbarn links und rechts in ihren Urnen in die Röhre schauen.
Doch über kurz oder lang macht alles neu der Mai. Und wenn der Mai das vierte Mal, nach dem der Entscheidungsträgers, naht, ist der Moment für seine Wiederauferstehung gekommen. Jeder kennt seine Pappenheimer, und der eine oder andere Besserwisser würde sagen: "Die feixen sich bestimmt eins, dass sie da unten so billig logiert haben. So machen die Brüder das eben. Haben den Daumen auf den Beutel und halten sich immer ein Hintertürchen offen. Wer nicht schummelt, der bummelt." Dieser einfühlsamen Schilderung ist zu entnehmen, was es bedeutet, heutzutage Politiker zu sein. Wo diese Spezies in Erscheinung tritt,  da stellt sie ihr Licht über den Scheffel und kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Der Politiker, wie er im Buche steht, ist in geselliger Runde ein offenes Buch und redet meistens ungefragt, auch wenn seine Person nicht gefragt ist. Dann aber redet er wie ein Buch, obwohl die Welt für ihn ein Buch mit sieben Siegeln ist. So bleibt unterm Strich festzustellen, dass jemand, bevor aus ihm nichts wird, aus ihm ein Politiker wird, denn wo nicht gehobelt wird, da fallen auch keine Späne.
Hin und wieder verlassen Politiker den Olymp und bevölkern für eine kurze Zeitspanne die Erde, um mit ihresgleichen ins selbe Horn zu stoßen und sich mit fremden Federn schmücken. Selbst ihre Jünger beschleicht zuweilen das Gefühl, dass es über ihren Häuptern nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Nur ganz selten, etwa bei einem Stelldichein, flackert bei ihnen so etwas wie Unbehagen auf. Dann dreht sich der Hintermann zu seinem Vordermann um,  nachdem sich beide unabhängig voneinander ehrfurchtsvoll im Kreis umgeschaut haben, und flüstert ihm vertraulich ins Ohr: "Die versprechen das Blaue vom Himmel und gehen dann stiften, wenn es im Kabuff ungemütlich wird. Zeig mir einen von den Parteibonzen, der seinen Kopf hinhält, wenn die Kacke am Dampfen ist. Die haben eben immer Schwein, denn den Seinen gibt's  der Herr  noch  obendrauf."



Die einsame Seele 

Eine alte Seele, die schon viel in ihrem Leben gesehen und erfahren hatte, flog an einem Frühlingstag durch ein kleines Wäldchen, welches verlassen auf einer Anhöhe lag und in dem sich so gut wie nichts ereignete. Nur ab und an strich ein schwacher Luftzug durch die Baumwipfel und  hoch  oben auf einem Ast saßen ein paar Krähen,  die in der Frühlingssonne ihr Mittagsschläfchen hielten. Die alte Seele fühlte sich plötzlich müde und niedergeschlagen, weshalb sie sich dafür entschied, bald eine Ruhepause  einzulegen. Kurz  darauf  fiel  ihr  Blick  auf  eine blaue Blume, die sie zuvor noch nie in dieser Gegend gesehen hatte und die schon von weitem leuchtete und blinkte. Ein schmales farbiges Lichtband, das je nach Einfall des Sonne mal schwächer und mal stärker aufschien und für das die alte Seele keine Erklärung hatte, umrankte die Blume wie ein tanzender, glitzernder Reif. Im Innern der Blume schien sich die Bläue indes noch zu vertiefen. Winzige, rote, gebogene Äderchen, die wie geschwungene Linien aussahen, durchzogen die inwendige Blüte wie ein kunstvolles Geflecht. Die alte Seele war vor Staunen regelrecht sprachlos. Ein Meer von Farben und Düften entstieg dieser wohlgestalteten, herrlichen Blume, und das Innere war, wie die alte Seele mit Behagen feststellte, samtig weich wie ihr Bett zu Hause. Da es ein warmer und sonniger Tag war, entkleidete sich die alte Seele und hängte ihre Sachen in Reih und Glied über den Blütenrand. Dann streckte sie sich der Länge nach aus und schlief ein.
Die alte Seele vernahm ein leises Rauschen, wie von einer weit entfernten Brandung, in das sich ein undeutliches Murmeln mischte, oder vielmehr war es ein begütigendes und erquickliches Flüstern, ähnlich wie in einem wunderbaren Traum. Einen Augenblick später drang eine liebliche Melodie an ihr Ohr, welche die alte Seele als ihre Lieblingsmusik erkannte und die sie umschmeichelte,  wie Kinder ihre Mütter umschmeicheln. Es waren aufstiebende, sich wiederfindende und sich liebkosende, ineinanderfließende Töne von inniger Zärtlichkeit und Schönheit, die sich in einem dahinziehenden Strom aus himmlischen Essenzen vereinigten und der alten Seele die Tränen in die Augen trieben. Dann vernahm sie Stimmen, die sie sogleich erkannte und die sie zuletzt in ihrer Kindheit gehört hatte.
"Siehst du", riefen sie ihr zu, "das Leben beginnt mit einem Paukenschlag und endet mit einem Paukenschlag. Und dazwischen liegen weniger Jahre als Achselhaare. Es braucht so viele Leben, wie Finger an einer Hand sind, um eines zu verstehen, und noch einmal so viele Leben, um den Tod zu verstehen."
Die alte Seele dachte an frühere, an bessere Tage, als sie geglaubt hatte, ihren Seelenfrieden gefunden zu haben, an die vielen Seelengemeinschaften, die es damals noch gab, die sie aufrichteten und trösteten, wenn Selbstzweifel sie plagten. Sie dachte an die Großeltern, an den Vater und die Mutter, die längst nicht mehr waren, an die Geschwister, die schon vor Zeiten hinübergegangen waren, und schließlich sah sie ihr einziges Kind, das an einer tödlichen Krankheit verstorben war. Die alte Seele war die letzte ihrer Art, das stand für sie fest. Eine einsame Seele, deren Ende jetzt gekommen war.
Die alte Seele erwachte und blickte dieses eine Mal noch auf ihr langes, mühseliges Leben zurück.
"Wenn wir dem Leben wohlgesinnt sind und es leidenschaftlich umarmen", rief sie laut, "wenn wir nicht den Blick abwenden, sondern auf das Leben sehen, es herausputzen und es kleiden - denn es kleidet sich nicht ohne unser Zutun -, dann wird das Leben es auch gut mit uns meinen und für uns sorgen. Jawohl!"
Nach diesen Worten tat die alte Seele einen allerletzten tiefen Atemzug und wurde erlöst. Doch die blaue Blume, in der  die alte Seele ihr Grab gefunden hatte, war nichts anderes als ein gewöhnliches Buschwindröschen, wie sie dort überall wuchsen.

  

Wer warst du?

Es war jetzt fast Mitternacht. Florin war an diesem  Abend  in die  Kneipe geflüchtet. Wie so oft in solchen Momenten saß er an der Längsseite des schmierigen Tresens auf einem schäbigen Barhocker und bestellte sich noch ein Bier. Die Bedienung glich einer verwitterten, bleifarbenen Plastik, die in irgendeinem fensterlosen Kellerloch vor sich hinstaubte und die nur an Tagen wie diesen, an denen der Kneipenwirt sie als Aushilfe brauchte, aus ihrem dunklen Verlies herausgeholt wurde. Die wenigen Nachtschwärmer, die noch anwesend waren, trugen Spuren der Übermüdung und des Alkoholgenusses im Gesicht. Sie sahen ebenso armselig und verlottert aus wie das Innere der Kneipe, die nur unwesentlich geräumiger war als das Hinterzimmer einer beliebigen Absteige. Ein dumpfiger und abgestandener Geruch lag über allem und jedem. Auf dem Steinboden lagen ausgefranste Zigarettenstummel und aufgeweichte Bierdeckel, die verrieten, dass der Wirt und sein Gefolge es mit der Sauberkeit nicht so genau nahmen, ja, sich buchstäblich einen Dreck darum scherten. In der Toilette lagen des Öfteren benutzte Kondome, obwohl ein Hinweisschild das achtlose Wegwergen derselben untersagte. Auf der einen Seite der Theke stapelte sich schmutziges Geschirr, denn wer das Einfache vorzog und nicht wählerisch war, konnte sich hier Bockwurst mit Brot oder hausgemachte Matjesfilets mit Pellkartoffeln kommen lassen.
Florin empfing ein volles Glas aus den Händen  der  aschfahlen Bedienung und stellte es vor sich auf den Tresen. Das Kinn auf die Handfläche gestützt, starrte ervauf den Schaum, der langsam in sich zusammenfiel und zu kleinen Inseln geriet. Viele Jahre waren Marie und er ein Paar gewesen. Sie hatten sich damals in einem Tante-Emma-Laden kennengelernt, ungefähr eine Viertelstunde von hier, und waren ins Gespräch gekommen. Genau genommen war es ein Monolog, den Marie mit sich selbst führte, während sie ihm hin und wieder eine Silbe zuwarf. Irgendwann gingen sie dann zu ihm und schliefen miteinander. Nach vier Monaten zog Marie bei ihm ein, ohne großes Aufheben hatte sie ihre kleine Wohnung in der Luisenstraße gekündigt und ihm zu verstehen gegeben, dss die Zeit auch um sie keinen Bogen mache. Und wo Platz für einen sei, meinte Marie, da sei auch Platz für zwei.
Für Eifersüchteleien gab es keinen Grund, denn Marie zählte nicht zu jenen Frauen, deretwegen sich die Männer die Hälse verrenkten. Schon lange arbeitete sie in der kleinen Buchhandlung nahe der Hauptstraße, wo sie Bestellungen entgegennahm und Bücher für den Versand vorbereitete. Manchmnal sagte sie zu ihm: "Florin, weißt du eigentlich, wie furchtbar gern ich dich habe?"
In der Anfangszeit war er ganz wild darauf, sie zu penetrieren, und er genoss es, wenn sie seinen Penis in den Mund nahm. Florin fühlte sich für einen Moment geborgen und er empfand eine freudige Leichtigkeit, wenn Marie auf seinem Schoß saß, ihn an sich drückte und wie ein junges Ding an seinem Ohr knabberte. Manchmal beschlich ihn ein Unbehagen, das er von früher her kannte. In solchen  Augenblicken glaubte er, dass sie ihm etwas vormachte, nicht aufrichtig zu ihm war. Wenn sie ein Wort zu ihm sprach, nur flüchtig hingeworfen, konnte dieses unschuldige Wort seinen Argwohn erregen. Florin kannte dieses Gefühl  der  inneren Zerrissenheit nur zu gut, das nicht selten in den Drang mündete, etwas Absurdes, völlig Irrwitziges zu tun.
Auch Marie blieb dies nicht verborgen. Siekonnte es förmlich wittern, wie es in solchen Momenten um ihn stand. Dann wandte sie sich mit einem traurigen Kopfschütteln von ihm ab und zog eine Schnute.
"Ach Florin", sagte sie mehr als einmal zu ihm, "manchmal überkommt mich der Gedanke, dass du dich eines Tages so mir nichts, dir nichts davonstehlen wirst."
In Situationen dieser Art hatte Florin das Verlangen, Marie verzweifelt zu umklammern und mit Liebkosungen zu überschütten, und einen Augenblick später wollte er sie zurückzustoßen und verlassen. Dann spürte er das Leben, und das Blut pulsierte durch seine Adern. Gleichzeitig hatte er eine Heidenangst, vor dem Alleinsein. Zuweilen schien es ihm, als wären derlei Gedanken tief  in  ihm  verankert. Sie  kamen  ihm  schon fast  selbstzerstörerisch vor, auch weil sie sich so oft  wiederholten, und nur  mit Mühe konnte  er seine Stimmungsschwankungen in Schach halten.
Wenn er zurückdachte, war es schon immer sein sehnlichster Wunsch gewesen, eine Familie zu haben, mit Frau und Kindern. Doch die allermeiste Zeit  hatte er tatenlos verstreichen lassen und sich an Wunschvorstellungen  geklammert.
Irgendwann begann Marie zu kränkeln und musste des Öfteren das Bett hüten. Dann gesellte er sich zu ihr und sah durch sie hindurch, wie durch eine gläserne Puppe, nachdenklich und in sich gekehrt. Schließlich blickte er in ihre geröteten Augen, die auf ihn gerichtet waren. Florin fühlte sich in solchen Momenten furchtbar allein, so entsetzlich allein, wie er es schon als kleiner Junge bei den Eltern gewesen war.
Eines Tages sagte Marie zu ihm: "Dort, Florin, im Sekretär in der Stube",  sie wies mit dem Finger in die Richtung, "liegt  etwas  Geld  für  dich, wenn ich nicht mehr bin. Ich hab´'s nach ganz oben gelegt, damit du es such findest." "Ach Marie", hörte er sich sagen, um meinetwillen bist du bei mir geblieben und hast dich,  sooft du konntest, verleugnet - warum nur? Ein Teil von mir war bei dir und war doch nicht bei dir, selbst wenn ich mit dir geschlafen habe. Ich wollte das Unmögliche leben, wo das Mögliche zu leben nicht genug war."
Marie setzte sich auf und drückte Florins Hand. "Zwischen dem Moment, an dem wir das Licht der Welt erblicken, und dem Moment, in dem wir die Welt wieder verlassen, liegt nur ein kurzer Weg. Und jeder freundliche Blick eines Menschen auf diesem Weg ist ein Glück, das wir erst am Ende des Weges zu fassen vermögen", sagte sie und ließ seine Hand los.
Am nächsten Morgen war Marie tot. Florin blickte eine Zeitlang auf ihren leblosen Körper und schob dann die Bettdecke hinauf bis zu Maries Kinn, damit sie sich nicht erkältete. Dann bemerkte die Totenstarre in ihrem Gesicht, die blassen Wangen, den halb geöffneten Mund,  dazu das ungekämmte Haar, und er fragte sich, ob er auch einmal, wenn er nicht mehr war, so daliegen würde, teilnahmslos und ohne jeglichen Reiz, ganz so wie ein totgeschlagener Hund.
Dann kamen Leute, eine ganze Armada von wuselnden Sanitätern, hintendran noch ein Notarzt mit einem Reanimationsgerät, und schließlich die Angestellten des Bestattungsinstitutes. Irgendwann erschienen zwei Polizeibeamte, die Florin eine Menge Fragen stellten.
Eine Woche darauf war die Beerdigung, still und bescheiden, wie Marie es sich gewünscht hatte. Außer Florin war sonst niemand da, kein Freund oder Angehöriger, der von Marie Abschied nahm oder ein letztes Lebewohl sprach. Lediglich ein Mann im mittleren Alter, der bei der Friedhofsverwaltung beschäftigt war, und eine Pastorin, die ihren Sermon ohne Melodie in ihrer Stimme herunterbetete, spendeten Florin einige tröstende Worte. Für eine Sekunde war Florin von dem Wunsch besessen, ganz dicht bei Marie zu sein, um sie zu herzen und ihr sein Scheitern einzugestehen. Als Florin hinterher geradewegs nach Hause ging, war er mit sich einig, dass es Marie nie gegeben hatte. 

 

Quisquilien

Zwei Nachbarsfrauen trafen sich im Hausflur. Es war ein gewöhnliches Mietshaus, wie es in jeder kleineren und größeren Stadt zu finden war, mit einem Parterre, drei Stockwerken und acht Wohnungen. Alle waren monoton und wie aus einem Guss. Ebenso die Menschen, die darin lebten.
"Hallo, Frau Mückenheim", sagte die eine Nachbarsfrau zur anderen, "ich habe Sie schon vermisst. Ganze drei Wochen jabe ich Sie nicht hesehen! War wohl wieder das alte Leiden? Das da, wo die Nerven verrücktspielen?"
"Ach nein, Frau Piepenbrink, das ist mein Mann, bei mir ist's der Ischias gewesen. Kommt und geht, wie´'s ihm gerade einfällt."
Aber das sagte ich doch!", entrüstete sich Frau Piepenbrink. Jetzt rückte sie bis auf zwei Zentimeter an Frau Mückenheim heran. "Hören Sie, liebe Frau Mückenheim, haben Sie in letzter Zeit den Brettschneider gesehen, den von ganz oben, ich meine rein zufällig? Da scheint mir was im Busche zu sein."
"Donnerlüttchen, Frau Piepenbrink, was schwirrt Ihnen nun wieder durch den  Kopf?"
Sind Ihnem denn nicht die Fenster  aufgefallen, die zur Straße gehen? Davon rede ich! Ich habe meinen Lebtag noch nicht solche verdreckten Scheiben gesehen, von den Rahmen ganz zu schweigen."
"Ja, da fällt jeden Tag mein Bick drauf, Frau Piepenbrink. Da hat die Sonne keine Chance, durchzudringen. Ich möchte nicht wissen, wie´'s erst drinnen aussieht."
"Glauben Sie, der Brettschneider ist so einer, der sich erst pudelwohl fühlt, wenn er sich durch Müllberge wühlen muss und überall sein Pipi hinmacht?"
"Was weiß ich, Frau Piepenbrink, vielleicht haust da schon ein ganzer Kakerlakenstaat. Ich würd's nicht von der Hand weisen."
"Jetzt übertreiben Sie aber, Frau Mückenheim. Sonst wären die vom Amt bestimmt schon da gewesen." 
"Ach was, heutzutage kümmert sich keiner mehr einen Deut um den anderen. Und der Brettschneider ist schließlich ein Mamm! Als ich noch im Büro war, da gab es Männer, die hätten sich lieber die Hand abhauen lassen als sie sich nach dem Pinkeln zu waschen."
"Und ich dachte immer, Sie waren da, wo all die armen Viecher hinkommen, wenn sie tot sind."
"Die
Tierkörperbeseitigungsanstalt, das war mein Mann, Frau Piepenbrink."
"Wusste ich's doch", rief Frau Piepenbrink erleichtert. "Und was den Brettschneider angeht", fuhr sie fort, "vielleicht ist der verreist und ist unterwegs irgendwo liegengeblieben, ich meine menschlich."
"Ach was, Frau Piepenbrink, die Kleine vom Metzger hatte mal 'n Techtelmechtel mit dem Brettschneider, und die hat immer und überall erzählt, dass der Brettschneider so was wie'n Eremit is' und seine Nase dauermd in irgendwelchen Büchern hat. Wenn so einer in der Materie steckt, kann er schon mal das Fensterputzen vergessen."
"Aber liebe Frau Mückenheim, das verstößt gegen die Hausordnung!", empörte sich Frau Piepenbrink, "Sie gehen doch auch nicht bei Rot über die Straße, nur weil Ihnen danach ist?"
Frau Mückenheim schüttelte den Kopf. "Ich heiße auch nicht Brettschneider", raunte Frau Mückenheim Frau Piepenbrink zu, "und außerdem bin ich eine Frau, und Frauen tun so was nicht. Aber die Männer. Auch für meinen würd' ich keinen Eid leisten. Jede Frau, die einen Mann an Land zieht, tritt sich gleichzeitig einen Dorn in den Fuß."
"Da haben Sie vollkommen recht!", schrie Frau Piepenbrink begeistert. Da kann Ihr Mann aber froh sein, dass er solch eine Frau hat, die, ohne mit der Wimper zu zucken, durchgreift, wenn es sein muss. Ach herrje, meine Kartoffeln! Bestimmt sind sie schon gar, und mein Mann will pünktlich um zwölf sein Essen auf dem Tisch haben. Nicht früher und nicht später. Wegen der Verdauung. Stört es Sie, wenn ich einige Vergissmeinnicht in den Treppenaufgang stelle? Ich finde die so hübsch."
"Das bleibt Ihnen unbenommen, Frau Piepenbrink, und heben Sie mir die Sonntagszeitung mit den Beilagen auf. Wegen der Angebote nächste Woche."
So gingen Frau Mückenheim und Frau Piepenbrink, nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, ihrer Wege. Am übernächsten Tag wurde Theophil Brettschneider, formlos und ohne Anteilnahme seitens der Hausgemeinschaft, aus seiner Wohnung getragen. Wie der herbeigerufene Arzt feststellte, war Brettschneider bereits seit einem Jahr tot. Am Totenschädel befestigt war noch seine Brille, und die Brillengläser sahen aus wie zwei mattierte Uhrendeckel. 


 Der Hund

Als Hieronymus Alboth frühmorgens erwachte, rieb er sich verwundert die Augen. Er richtete sich schlaftrunken im Bett auf und bemerkte sodann einen großen schwarzen Hund, der am Fußende seines Bettes kauerte und seine spitzen gelben Zähne bleckte. Bei diesem Anblick zog Hieronymus sofort die Bettdecke über seinen Kopf und wartete eine Zeitlang untätig ab. Er fragte sich, wie diese Erscheinung, die ihn in Angst und Schrecken versetzte, zu verstehen sei. Hatte jemand den grässlichen Hund mutwillig dort hingesetzt, um ihn zu irritieren? Hieronymus musste sich eingestehen, dass er dem Hund, der ihn unentwegt fixierte und dabei seinen massigen Kopf wiegte, unterlegen war. Der Hund machte keine Anstalten, sich zurückzuziehen, und aus seinem weit aufgerissenen Maul rann pechschwarzer Geifer.
Hieronymus überlegte angestrengt, wie er dem Damoklesschwert, das unleugbar über ihm schwebte, am leichtesten entgehen könne, ohne dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen. Er gab sich Mühe, gelangweilt auszusehen, und blickte nach unten, doch dann setzte vorsichtig und ganz langsam einen Fuß auf den Boden, um gleich den zweiten folgen zu lassen.
Der Hund rührte sich nicht.
Hieronymus wagte es nun, sich unter Außerachtlassung aller Vorsichtsmaßnahmen anzukleiden. Und während er dem Hund den Rücken zuwandte, beobachtete  er ihn die ganze Zeit im Spiegel.
Der Hund rührte sich noch immer nicht. Hieronymus wollte nicht länger abwarten und beschloss,  zu handeln. Mit mit drei waghalsigen Sprüngen gelang er er zur Wohnungstür und versuchte zu fliehen. Doch die Tür ließ sich ums Verrecken nicht öffnen. Den Hund schien das freuen, er bewegte sich auf  Hieronymus zu und urinierte vor ihm auf den Boden.
Hieronymus ging in die Küche, gefolgt von dem Hund, und zauderte einen Moment. Dann griff er nach einem Käsebrötchen vom Vortag und warf es dem Hund hin, der es gierig verschlang. Hieronymus stellte eine Schale mit Wasser auf den Boden und sann darüber nach, welches Mittel das geeignetste sei, den ungebetenen Eindringling ein für alle Mal loszuwerden. Der Hund soff gleichgültig das kühle Naß und beachtete Hieronymus nicht weiter.
Dadurch ermutigt, erklomm Hieronymus den Tisch und schrie aus Leibeskräften um Hilfe. Da fing der Hund an, gefährlich zu knurren, und Hieronymus verstummte. Der Hund verstummte ebenfalls und legte sich wieder hin.
Hieronymus ging ins Wohnzimmer und sortierte die Post. Den Hund schien das nicht weiter zu interessieren, er hatte sogar ein Auge halb geschlossen. Hieronymus witterte eine Chance und lief zum Telefon. Doch er sah mit Entsetzen, dass der Hund das Kabel durchgebissen hatte.
Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem neuen Hausherrn zu fügen. Er ging abermals in die Küche und nahm ein Messer, um ein Weißbrot aufzuschneiden. Als aber der Hund das Messer gewahrte, fletschte er die Zähne und seine flammenden Augen traten beängstigend aus den Höhlen hervor. Hieronymus legte das Messer weg und aß die einen halben Apfel, die andere Hälfte überließ er dem Hund.
Mutlos geworden schlich Hieronymus wieder ins Wohnzimmer. Als er zufällig aus dem Fenster sah, erkannte er eine Ansammlung von merkwürdig aussehenden Menschen, die sich, wie er annahm, seinetwegen dort unten versammelt hatten und nur auf einen Befehl ihres Anführers warteten. Sie liefen auf allen vieren und blafften, einige von ihnen scharrten sogar mit den Pfoten.
Hieronymus stellte den Fernseher an, um sich abzulenken. Doch es half nichts, Hieronymus Alboth hatte aufgehört zu existieren.
Fassungslos starrte er auf den Wohnzimmerteppich, unter dem gerade ein weiterer Hund hervorkroch. Dann folgte ein zweiter, der Hieronymus die Hose aufschlitzte, und ein dritter schließlich verbiss sich in Hieronymus' Gurgel.
Wochen später brachen fremde Leute die Wohnung auf. Sie fanden seine Leiche, jedenfalls das, was von ihm übriggeblieben war. Als sie sich über ihn beugten, sagte einer von ihnen: "Was auch immer mich hier unten in meinem einsamen Grabe hält, ist's noch einsamer über mir in der Welt."


Wolkendtadt

Nichts ist mit dem Gefühl vergleichbar, wenn ich hinausgehe und aufschaue zu den Wolken, wie sie einfach nur dastehen und sich um nichts kümmern. Wie überzählige Daunenkissen auf einer blauen Wiese sehen sie aus. Beim Anblick dieser Gebilde, die in schwindelerregenden Höhen ihre Heimstatt haben, durchströmt mich ein feierliches Gefühl. Mit meinen Augen verfolge ich die vielen kleinen und großen Bäuschchen, die wie bauchige Schiffe dahinsegeln, wenn der Wind bläst. An manchen Tagen ziehen sie sich wie ein breites Band über den Himmel. Und wenn die Sonne ihre Strahlen auf sie wirft, sehe ich überall vergoldete Speere, deren Spitzen bis zur Erde reichen. Da schießt mir das Blut ins Herz, und am liebsten möchte ich alle Wolken umarmen und an meine Brust drücken. Die Einsamkeit sitzt mir wieder einmal im Nacken, sie verfolgt mich auf Schritt und Tritt, so wie jeden, den sie am Schlafittchen gepackt hat. Von Zeit zu Zeit habe ich die Vorstellung, dass ich zu den Wolken, meinen Wolken, hinaufsteige, ganz gemächlich, mit kleinen Hopsern, um sie wie gute alte Bekannte um mich zu scharen und um mich auf ihnen auszuruhen.
Was halten Sie von der Idee? - Ja, Sie meine ich. Und tun Sie jetzt bloß nicht so, als hätten Sie mittenmang das Lesen verlernt. Hoch auf den Wolken würde ich diese verdammte und nutzlose Einsamkeit unter mir lassen und mit Giftpfeilen beschießen. Ich würde sie, die Wolken, zu meiner Wolkenstadt formen und mit Sack und Pack dorthin auswandern. Ich hätte bestimmt nicht zu befürchten, dass mir da oben die Einsamkeit auflauert und mir das Leben versauert, wenn ich schon einmal dabei bin, mir meine Einsamkeit auszureden und ihr die Zähne zu zeigen. Ich habe die Einsamkeit, ihre verschiedenen Formen und Auswüchse, das können Sie mir getrost glauben, an mir selbst und bei anderen genauestens studiert. Die meisten, die von der Einsamkeit überrannt werden, schlagen der Länge nach hin und stehen so schnell nicht mehr auf. So ist das mit der Einsamkeit. Ich kannte mal einen Herrn im besten Alter, der seit unendlich vielen Jahren unter seiner Einsamkeit litt, vielleicht noch mehr, als Sie und ich uns das vorstellen können. Tagein, tagaus hatte die Einsamkeit ihn in ihren Fängen und ließ ihn nicht mehr los. Als ich den bedauernswerten Mann zuletzt sah, berührte sein Kinn fast den Erdboden, und sein Blick war der eines ausgesperrten Geistes, so weit war die Einsamkeit schon bei ihm fortgeschritten.
Ich würde da oben die Puppen tanzen lassen, auf einer Wolkenspitze balancieren, mich splitternackt zeigen oder den ganzen Tag verschlafen, wenn mir danach ist. Meinen Dickens würde ich auf jeden Fall mitnehmen, und selbstverständlich noch ein Haustier, vielleicht einen bunten Papagei, der krakeelt und mir nach dem Munde redet. Und in der Nacht würde ich zu den funkelnden Sternen hinaufschauen und mich diebisch darüber freuen, dass ich an ihnen näher dran bin als die meisten Menschen.
Ich kenne die Materie durch und durch, ich bin sozusagen ein Spezialist in Sachen Einsamkeit. Die Einsamkeit besitzt eine unverwechselbare, stets gleichbleibende Physiognomie, so wie bei dem armen Mann, und allenthalben und zu jeder Zeit kommt einem die Einsamkeit in die Quere, soviel gibt es inzwischen davon. Die Einsamkeit ist geradezu wie eine ansteckende Krankheit, die sich ihre Opfer aufs Geratewohl herauspickt. Denn Anwärter für die Einsamkeit gibt es oben wie unten genug. Eventuell sollte ich noch diesen oder jenen Menschen, der noch etwas auf andere gibt, einen Menschenfreund, bitten mitzukommen. - Was meinen Sie? Vielleicht wären Sie so freundlich, mir in meiner Wolkenstadt Gesellschaft zu leisten? Nur für eine gewisse Zeit, damit Sie und ich gemeinsam herausfinden können, ob Sie zu mir passen und das nötige Feingefühl mitbringen, Sie wissen schon.
Aber ich verliere mich...


Frau  Igelbusch und Herr Kutschenreiter 

"Hallo, Frau Igelbusch! Lange ist es her, seit wir und das letzte Mal gesehen haben. Wie geht es Ihnen?" Es war in der Mittagszeit,  als  sie sich zufällig auf der Straße begegneten. Sie kannten sich vom Literaturkreis her. "Oh, sagen Sie, was haben Sie denn mit Ihrem rechten Auge gemacht? Das sieht ja schlimm aus!" Herr Kutschenreiter schaute besorgt drein. "Hat er Sie etwa wieder…?"
Frau Igelbusch errötete. "Es ist nicht so, wie Sie vielleicht denken. Und außerdem, Herr Kutschenreiter, wäre es nett von Ihnen, wenn Sie…"
"Ich denke gar nichts, liebe Frau Igelbusch, denn ich weiß es. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern, und irgendwann wird es noch in der Zeitung stehen, wenn am Ende…"
"Bitte nicht auch Sie, Herr Kutschreiter. Ist es nicht schon genug, dass ich…"
"Es ist nicht das erste Mal, dass ich Sie lädiert antreffe, Frau Igelbusch. Es war vorgestern, da habe ich ihn ins Visier genommen. Drüben beim Bäcker. Da ist es mir eiskalt den Rücken hinuntergelaufen. Am liebsten würde ich…"
"Ich bitte Sie, Herr Kutschenreiter, Sie irren sich, das war…"
"Ich mich irren? Erlauben Sie mal, Frau Igelbusch, ich werde doch wohl wissen, wen ich wann gesehen habe. Und wie er zu mir herüber geschaut hat, dieser gemeine…"
"Herr Kutschenreiter, die Leute drehen sich schon nach uns um. Wollen Sie wenigstens nicht mir zuliebe…"
"Ach, Frau Igelbusch, er hat mich angestiert und mit seinen Blicken verfolgt, als wäre ich ein Nebenbuhler. Es wird dafür Zeugen geben. Was sagen Sie dazu?"
"Mein lieber Herr Kutschenreiter, ich dachte, es hätte sich herumgesprochen. Doch anscheinend  ist es nicht bis zu Ihnen vorgedrungen. Er ist tot. Ist vor sechs Monaten gestorben. An Krebs."
"Das sagen sie alle, wenn das gebrandmarkte Kind in den Brunnen gefallen ist und nicht wieder von allein hochkommt. Sie können sich selber etwas vormachen, Frau Igelbusch, aber nicht mir. Denn ich bin Realist. Und dazu noch ein unbestechlicher Beobachter. Und das nächste Mal, wenn er mir wieder über den Weg läuft, werde ich ganz bestimmt….
Frau Igelbusch blickte Herrn Kutschenreiter ins Gesicht und streichelte verschämt seine Hand. Herr Kutschenreiter stand nur da und weinte dicke Tränen. 

 

Ein Hoch auf die Frauen

Wie du bei diesem Schmuddelwetter wieder rumläufst, du bist viel zu dünn angezogen, sagte meine Schwester neulich zu mir, als ich völlig durchnässt unf vor Kälte zitternd von einem Spaziergang zurückkehrte und sie mich auf eine Tasse Tee zu sich einlud. Ich klopfte das Wasser aus meiner Jacke und war froh, dass ich wenigstens die Gummistiefel angezogen hatte. Insgeheim musste ich über den Anpfiff meiner Schwester lächeln. So redet meine Frau auch immer. In dem gleichen Tonfall wie meine Schwester, mit einer gewichtigen Pause zwischen wie und du, sodass ich manchmal, wenn ich meinen träumerischen Tag habe, nicht genau weiß, wer da gerade zu mir spricht. Und wenn ich dann wieder bei mir angekommen bin, sehe ich abwechselnd meine Frau und meine Schwester vor mir. Das ist ein ungemein beruhigendes Gefühl, wenn zwei Frauen ein beständiges Auge auf einen haben. Streng genommen sind es sogar drei Frauen. Ich vergaß meine Frau Mutter zu erwähnen. Ihre Fürsorge konzentriert sich aber mehr auf die Gegend oberhalb meines Scheitels. Ungeachtet der Tatsache, dass sie bereits fünfundachtzig Lenze zählt, schwerhörig und fast blind ist, empfängt sie mich jedes Mal, wenn ich sie im Seniorenwohnheim besuche, mit den tadelnden Worten: Du hast mal wieder keine Mütze auf! Auch hier findet sich die bereits erwähnte Pause wieder, nur die Intonation ist eine andere. Zudem macht es für meine Mutter keinen Unterschied, ob es Winter oder Sommer ist. Wer ohne eine Mütze auf dem Kopf aus dem Haus geht, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Gehirnzellen schneller absterben als bei den Menschen, die ihre Mütze nie absetzen, sagt sie.
Dieses tätige und anrührende Bemühungen um das Wohlergehen eines nahestehenden Menschen -  wahlweise auch eines Haustiers - scheint den meisten Frauen mit in die Wiege gelegt worden zu sein. Da hat sich die Evolution selbst übertroffen. Die Frau unseres Nachbarn beispielsweise besitzt hierin eine erstaunliche und nachahmenswerte Begabung. Wenn es draußen bitterkalt ist und der Schnee in dichten Flocken herabfällt, spurtet die Hausherrin, noch bevor sie ihrem Gatten das Frühstück ans Bett bringt, durchsichtig bekleidet zu seinem Wagen, kratzt die Scheiben frei und lässt den Motor eine habe Stunde laufen,  damit der Herr Gemahl gewärmt und trocken ins geheizte Büro rauschen kann. Eine so liebevolle Geste geht mir sehr zu Herzen. Oder nehmen wir die Frau eines Bekannten. Wenn ihr Angetrauter nur einmal seine Stirn in Falten legt oder die Mundwinkel herunterzieht, dann verfrachtet sie ihn ohne Zeitverzug ins eheliche Bett, misst alle zehn Minuten seinen Puls, bereitet ihm ein schmackhaftes Süppchen zu und singt ihn in den Schlaf. Die Frau ist eine wahre Göttin, denn sie ist Krankenpflegerin, Köchin, Gesellschafterin, Souffleuse und Zerberus in Personalunion. Erst neulich sagte sie während einer Stadtführung zu ihm: "Liebling, gib bitte acht, dass  du dich da unten nicht erkältest.
" Möglicherweise war in dieser Aufforderung ein nicht näher bezeichneter Eigennutz verborgen, aber von da an habe ich meinen Bekannten nie wieder mit einem offenen Hosenstall gesehen.
Was sind die Frauen doch für feinfühlige und pietätvolle Wesen, denke ich laut und kann mir meine Bewunderung nicht verkneifen.
Gerade fällt mir die Frau unseres Bürgermeisters ein. Als ihm vor ungefähr einem Jahr ein Drohbrief ins Haus flatterte, absolvierte seine Frau im Nullkommanichts einen Kurs in Jiu-Jitsu. Und immer, wenn er das Haus verlässt, ist sie ihm auf den Fersen und bewacht ihn, als wäre er ein Fabergé-Ei. Gesetzt den Fall, dass jemand so unvorsichtig ist und die um ihn herum errichtete Bannmeile in Zweifel zieht, brüllt sie wie eine echte Löwin, die ihre Jungen verteidigt, und gibt dem zudringlichen Menschen kurzerhand eins über den Dez. Solch eine Engagiertheit  finde ich großartig und ich bin froh darüber, dass es die Frauen gibt. Es beweist, wozu Frauen fähig sind, wenn man die Zügel lockert und Zuckerbrot in der Tasche hat.
Weiter oben habe ich angegedeutet, dass meine Frau auch immer so fürsorglich mit mir redet wie meine Schwester  und meine Mutter. Dass meine Frau mich solcherart wie meine Schwester und meine Mutter behütet und unter ihre Fittiche nimmt, war einmal. Damals. Ich meine damit, dass sie jetzt nicht mehr so ist, wie sie vor unserer Silberhochzeit war. Sie ist heute eine andere. Der Gedanke daran macht mich etwas betreten, denn heute spiele ich bei meiner Frau die zweite Geige, die erste spielt unser Kater Mohrle. Meine Rolle ist kleiner geworden, ich sitze bei ihr nicht mehr in der vordersten Reihe, und hin und wieder rasselt sie sogar mit dem Säbel. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, sagt sie. Dennoch liebe ich meine Frau und flüstere mir zu, dass Zuneigung viele Gesichter hat, wenn man die Dioptrie verändert und genauer hinsieht. Und dafür bin ich unendlich dankbar.  
  

Der Urlaub

Herr und Frau Kohlhaase hatten mir erzählt, dass sie in den Urlaub fahren wollten, und nun scheinbar schon wieder zurück waren. Ich begegnete ihnen im Bahnhofsrestaurant, in das ich mich mit schweren Schritten geschlichen hatte und wo es an diesem Tag gebratene Zanderfilets mit Meerrettichsoße gab – eins meiner Lieblingsgerichte. Die beiden saßen an einem kleinen, runden Buchentisch und waren jeder für sich in eine Tätigkeit vertieft. Herr Kohlhaase blätterte oberflächlich in einer Zeitung, während Frau Kohlhaase mit einer weißen Serviette die Tischplatte wienerte. Als Herr Kohlhaase mich bemerkte, winkte er mich zu sich.
"Wer hätte das gedacht, dass sich unsere Wege heute kreuzen, Herr Dr. Steffens. Bitte setzen Sie sich doch zu uns. Dann schmeckt das Essen gleich viel besser."Missmutig nahm ich an ihrem Tisch Platz und bedeutete dem Ober, mit der Bestellung noch warten zu wollen.
"Sie müssen mir meinen Spleen nachsehen", entschuldigte sich Frau Kohlhaase, die noch immer eifrig über die Tischplatte wischte, "das geht mir gegen die Natur. Alles, aber auch alles muss bei mir sauber und blitzblank sein, sonst bleibe ich lieber zu Hause." Ich erwiderte mit einem schwachen Kopfnicken und fragte mit erzwungener Höflichkeit: "Ich nehme an, Sie und Ihr Gatte hatten einen angenehmen Urlaub?"
"Oh, das muss ich Ihnen erzählen, Herr Dr. Steffens!", plusterte Herr Kohlhaase sich jetzt auf. "Ich war Zeuge eines Kampfgeschehens auf Leben und Tod, und das direkt neben unserem Swimmingpool. – Wie bitte? Wohin mit dem Hühnerfrikassee? Das gehört der Dame, die mir gegenübersitzt. Den Blumenkohl und die Frikadellen können Sie mir hinstellen. – Nun leg doch diese dämliche Serviette weg, Henriette, du ruinierst noch die Furnierung."
Herr Kohlhaase machte sich sogleich über den Karfiol her, während Frau Kohlhaase ihr Besteck kritisch beäugte und den Entschluss fasste, Messer und Gabel mit einer zweiten Serviette nach
zupolieren. Ich sah durch das Fenster auf die Straße, wo gerade der Bus hielt und drei Fahrgäste ausstiegen. Wie gern wäre ich in diesem Augenblick aufgesprungen, um den Bus aufzuhalten und von dem Fahrer zu verlangen, mich mitzunehmen, ganz egal wohin. Nur zwischendurch anhalten dürfte er nicht, dachte ich mir. Ich würde mich auf den hintersten Platz verdrücken und still und friedlich mit offenen Augen träumen, dass Anett für eine Stunde oder ein wenig länger bei mir wäre. Ich würde nichts zu ihr sagen, sie nur ansehen und meinen Arm um sie legen. Danach würde ich sie gehen lassen, bis zum nächsten Mal.
"Nun, stellen Sie sich das mal bildlich vor, Herr Dr. Steffens!", legte Herr Kohlhaase wieder los. "Gleich neben dem Swimmingpool, wo ich täglich mein Sonnenbad nahm, saß plötzlich eine Taube. Eine ganz gewöhnliche Straßentaube, wie sie überall vorkommen. Bestimmt hatte die sich verfranzt. Denn ich habe noch nie gehört, dass Tauben ein Chlorbad nehmen."
"Die Zimmer waren alle sehr reinlich", ließ sich Frau Kohlhaase vernehmen, "jeden Tag wurden die Teppiche zweimal gesaugt, und Handtücher bekamen wir auch jeden Tag neue. Sogar das Mobiliar wurde täglich abgestaubt. Diese Arbeiten erledigte ein hoteleigener Serviceroboter, müssen Sie wissen. Wir nannten ihn Max, weil er in seiner Livree so goldig aussah."
"Die Sache stand schlecht, denn die Taube hatte sich einen Flügel und den Fuß verletzt. Saß auf dem nackten Stein fest und konnte sich nicht davonmachen." Herr Kohlhaase legte eine wohlüberlegte Pause ein und löffelte hastig die Nachspeise. Frau Kohlhaase sortierte indes aus dem Frikassee die ansehnlichsten Brocken aus und schob sie sich in den Mund. Ich blickte auf Herrn Kohlhaase und sah Anett. Sie lupfte aus Vergnügen ihren Pulli und ließ ihren Brustansatz sehen. Dabei lachte sie und warf mir eine Kusshand zu, und ihre Augen strahlten zu mir herüber. Es ist eines der eindringlichsten und berückendsten Bilder von Anett, die mir geblieben sind. Unwillkürlich musste ich lächeln.
"Da gibt's gar nichts zu lachen, Herr Dr. Steffens", nahm Herr Kohlhaase den Faden wieder auf. "Die Taube befand sich – weiß Gott – in einer unerfreulichen Lage, denn eine hungrige Krähe, schwarz wie die Nacht, tänzelte im Kreis um die Taube herum und taxierte mit funkelnden Blicken ihr Appetithäppchen. Dann schnellte sie plötzlich vor und bohrte genüsslich ihren langen, spitzen Schnabel in ihr Opfer. Einen Moment später ließ die Krähe von der Taube ab, umrundete sie abermals und schlug wieder zu. So ging das eine ganze Weile. Die Taube hatte schon eine Menge Blut verloren. Und ihre einzige Reaktion bestand darin, wie ein Entenküken reglos am Boden zu kauern und den Kopf einzuziehen. Die Krähe ließ sich Zeit, und die Taube war bald löcherig wie ein Schweizer Käse. Ich habe auf die Uhr geschaut. Fünfeinhalb Minuten, dann hat die Krähe der Taube den Rest gegeben."
Herr Kohlhaase vertilgte das übriggebliebene Hühnerfrikassee und Frau Kohlhaase befeuchtete ihre Poren mit einem Erfrischungstuch. Ach, Anett, ich werde nie vergessen, wie du mich in jenem Moment angeschaut hast, bevor dein Herz für immer aufhörte zu schlagen. Die weichen, fast durchsichtigen Linien in deinem Gesicht, das blasse Zartrosa auf deinen eingefallenen Wangen, und wie du mich ein letztes Mal fragtest, ob alles im Zimmer an seinem Platz steht, das hat mich zutiefst gerührt und erschüttert. Wenn ich an deinem Grab stehe, sehe ich dich vor mir, und in meiner Fantasie nehme ich dich mit fort, und wir gehen Hand in Hand nach Hause, in unser Zuhause. Das male ich mir in Gedanken oft aus, selbst wenn dies nie geschehen wird. Aber es hilft mir, mich in meinem Kummer nicht ganz so elend aussehen zu lassen, wenn ich unter Leute gehe.
Da zupfte mich jemand am Ärmel. Es war Frau Kohlhaase. Sie blickte mich geradewegs an. Herr Kohlhaase war zwischenzeitlich verstummt. 
Ich will Ihnen etwas verraten, Herr Dr. Steffens", sagte sie und beugte sich ein wenig zu mir vor. "Mein Mann und ich sind noch nie verreist. Uns erdrückt die Einsamkeit da draußen, wir sind ihr einfach nicht gewachsen." Zu ihrem Mann gewandt flüsterte sie betrübt: "Tragen wir nicht schon genug Einsamkeit in uns?" Sie holte tief Luft, umklammerte mit ihren weißen, kalten Fingern mein Handgelenk und starrte hilflos an mir vorbei ins Nichts. "Hier, Herr Dr. Steffens", fuhr sie fort, "ist uns die Einsamkeit vertraut. Wir weichen ihr nicht mehr aus, weil wir uns an sie gewöhnt haben. Mit ihr stehen wir morgens auf, und mit ihr gehen wir abends zu Bett." Frau Kohlhaase weinte leise, und Herr Kohlhaase schwieg.


 Begegnung

Herr A. hatte alle Mühe, sich der Windböen zu erwehren, die ihn kräftig durchrüttelten und seinen Mantel wie einen Luftballon aufblähten. Er machte sich rund wie ein Flitzbogen, um die Angriffsfläche zu verringern, und ertrotzte sich so Meter um Meter. Voller Wut umklammerte Herr A. seinen Hut noch fester und schob ihn fast bis auf die Nase. Jetzt fing es an zu regnen. Große runde Tropfen fielen herab, die allmählich in seine Kleidung drangen und sie aufweichten. Herr A. begann sich auszumalen, dass die Regentropfen immer zahlreicher und größer würden und sich irgendwann in einen reißenden Fluss verwandelten. Und dass der Fluss ihn ganz selbstverständlich auf seine Reise mitnähme würde, in eine Gegend, die ihm von früher her vertraut war, und wo er an alte Gewohnheiten und Annehmlichkeiten anknüpfen konnte.
Herr A. war erleichtert, als er ein Wartehäuschen erreichte, unter dem er Schutz suchen konnte. An diesem Ort würde er verweilen, bis der Regen aufgehört oder zumindest nachgelassen hatte. Ob hier in letzter Zeit ein Bus oder Ähnliches gehalten hatte? Herr A. bezweifelte das, denn es gab keine Anzeigetafel mit den Ankunfts- und Abfahrtszeiten.
Da sah er in einiger Entfernung einen Mann, der langsam näher kam. Der Mann versuchte, die Pfützen am Boden kurvenförmig zu umgehen, was Herrn A. entfernt an ein tänzelndes Zirkuspferd erinnerte. Herr A. winkte ihn zu sich und breitete unwillkürlich seine Arme aus. Als er den näher kommenen Mann genauer betrachtete,  flackerte  ein Hauch von Wiedersehensfreufe in ihm auf.
"Du lieber Himmel, wenn das nicht der Herr B. ist!", rief er aus. Ausgerechnet hier in diesem armseligen Kaff, wo Menschen wie Sie und ich augenscheinlich Mangelware sind, treffen wir uns wieder. Sie sehen irgendwie mitgenommen aus."
Herr B. nickte bekümmert und trat zu ihm ins Wartehäuschen. Er wischte sich mit einem Taschentuch die Regentropfen aus dem Gesicht und aus den Ohren, wobei er seinen Kopf schief hielt wie ein neugieriger Papagei.
"Es ist lange her", sagte Herr B., "sehr lange. Ich hatte Sie gar nicht mehr in meinem Gedächtnis gespeichert. Dass Sie mich hier um diese Stunde antreffen, ist dem Zufall geschuldet. Meistens ist es bereits dunkel, wenn ich ausgehe. Als ich noch mein eigener Herr war, da…" Herr A. runzelte die Augenbrauen. "Sind Sie etwa auch…?", fragte Herr A. etwas unbeholfen. 
"Nun, was denken Sie denn?", antwortete Herr B. "Es sind gerade mal sechs Wochen vergangen, als ich…Na, Sie wissen schon. Es war für alle Beteiligten mehr als unerfreulich, und am schlimmsten war es für mich, dass ich …Das können Sie mir glauben. Hätte ich nur nicht…Aber ich kann die Tatsache nicht übergehen. Könnte man den ganzen Schlamassel bloß rückgängig machen."
"Bei mir", flüsterte Herr A., "sind es erst drei Tage. Ich aß gerade zu Mittag, als es passierte, und ich…Finden Sie es gerecht, dass ich…? Ich meine, wir beide…? Ich kann und will mich damit nicht abfinden."
"Sie werden sich mit der Zeit wohl oder übel daran gewöhnen müssen", versuchte Herr B. Herrn A. den Wind aus den Segeln zu nehmen, "denn irgendwann ist ein jeder mal dran. Wir haben hier genug Platz." 
Herr A. zögerte. "Es ist sehr einsam hier", gestand er Herrn B. schließlich, "und ich war stets ein geselliger Mensch. Vielleicht habe ich Sie ein- oder zweimal in der Menge übersehen und nicht gegrüßt. Aber das war nicht so gemeint, ich habe Sie nie absichtlich ignoriert. Ach,  Schwamm drüber! Dürfte ich mich Ihnen, nur vorübergehend, anschließen? Mir würde es damit wohler ums Herz werden."
"Das ist nicht gestattet", entgegnete Herr B. mit einem traurigen Lächeln, "der Tod kommt nicht für alles auf."
Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und beide, Herr A. und Herr B., setzten ihren  Weg  fort,  wenn auch in verschiedene Richtungen. 
 

Ein Stein 

Ich bin ein Teil der Öffentlichkeit. Das bedeutet nicht nur, dass ich darin vorkomme, sondern ich habe auch eine Funktion, eine Aufgabe! Das kann nicht jeder von sich behaupten, der in der Öffentlichkeit steht.
Mein Zuhause befindet sich in einem Ferienpark mit FKK - Gelände. Zwischen einem Souvenirladen und einer Frittenbude habe ich mein Domizil. Manchmal weht der Duft von gegrillten Bratwürstchen zu mir herüber. Da läuft mir das Wasser im Mund zusammen, und am liebsten würde ich sofort loslaufen, zur Bude hin, zwei Euro fünfzig auf den Tresen knallen, und rufen: "Eine Bratwurst für sofort, und dunkelbraun muss sie sein!" Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Denn ich bin ein Stein. Und Steine bewegen sich in der Regel nicht von allein.
Wie ich in diese Gegend gelangt bin oder wer mich an diese Stelle gelegt hat, daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Bestimmt hat es damit zu tun, dass ich kein gewöhnlicher Stein bin. Nicht rund, sondern eher länglich, vielleicht anderthalbmal so groß wie eine Ottomane, mit einer unscheinbaren Vertiefung in der Mitte. Graumeliert und mit silbrig glänzenden Punkten an den Seiten, bin ich so etwas wie ein Vorzeigestein. So betrachtet, nimmt es mich nicht wunder, dass sich die Leute unwiderstehlich zu mir hingezogen fühlen. Es ist nur zu verständlich, dass die meisten Besucher dem Bedürfnis erliegen, mich zu besteigen und sich auf mich zu setzen. Manche von denen haben Sitzfleisch für zwei, worunter meine Privatsphäre gerade in der Sommersaison leidet.
So mancher würde aus dem Staunen nicht herauskommen, wenn ich erst einmal anfinge, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Damit  meine  ich  vornehmlich  die  zahlreichen  menschlichen  Hinterteile, die ich im Laufe der vielen Jahre ausgiebig studieren konnte. Ich sah spitze, breite, flache, schmale Hinterteile, und ein Gutteil davon war noch nicht einmal angezogen! Der Allerwerteste eines Menschen ist nicht immer ein Aushängeschild, was in der Natur der Sache liegt. Daran ändert auch der Blickwinkel nichts. Es gibt vorübergehende Durststrecken, selbst der Schöpfer und Baumeister eines Hinterteils hat zuweilen zwei linke Hände.
Vor allem aber könnte ich davon berichten, was die Menschen in ihrer Freizeit so alles mit sich und anderen anstellen. Es heißt ja, dass jeder nach seiner eigenen Fasson  selig  werden  soll.
Gerade kommt so ein Halbwüchsiger mit Dreitagebart und Zottelhaar anspaziert und pflanzt sich direkt auf meine Wade, die mir heute besonders wehtut. Aber damit nicht genug. Eine Minute später erscheint eine elegant gekleidete Frau auf der Bildfläche – das kann nur die Frau Mutter sein, sage ich mir – und krabbelt auf meine andere Wade, als wäre sie eine hungrige Biene. Ich mache lange Ohren, denn eine Unterhaltung zwischen Familienangehörigen ist immer lehrreich. Zuerst tauschen sie Artigkeiten aus, worin sie sich gegenseitig überbieten. Aber beide führen etwas im Schilde, das sagt mir mein sechster Sinn. Und tatsächlich! Was macht sie? Was er? Die beiden? Zuerst fingert die Frau an seinem Hosenschlitz herum, dann beugt sich hinunter und…Da schlag einer lang hin! Ich bin bestimmt der einzige Stein weit und breit, der solch eine…leibhaftig mit eigenen Augen gesehen hat!
An dieser  Stelle breche ich meinen  Bericht  ab und  wende mich  einer anderen Begebenheit  zu.  
Eines Tages beobachte ich ein schwarzhaariges Dämchen, wie sie mit einer Flasche in ihrer Rechten über das Gelände stakst. Die muss gehörig einen intus haben, lautet mein Urteil. Dann schwenkt sie aus heiterem Himmel nach links, schleudert - einer Diskuswerferin nicht unähnlich - ihr Mobiltelefon in den Teich mit den Goldfischen, putzt ihr Näschen und steuert wie ein Alligator direkt auf mich zu. Ehe ich bis fünf zählen kann, liegt sie der Länge nach ausgestreckt auf mir und weint sich die Augen rot. "Du lieber Stein, du bist mein einziger Freund auf der ganzen Welt", schluchzt sie mehrmals und drückt mir einen lauten Schmatz auf ungefähr die Stelle, wo sich mein Bauchnabel befindet. Das erweicht sogar einen Stein wie mich, denn ich bin, wie ich zugeben muss, so nahe am Wasser gebaut, dass es näher nicht mehr geht. Ich mache drei Kreuze, als das Dämchen in den Schlaf sinkt und ich mit meinen Gedanken hinterherhinke. Sie schläft den Schlaf der Gerechten und fängt nach einer Viertelstunde derart an zu schnarchen, dass mir schwindelig wird. Am nächsten Morgen wache ich mit Kopfschmerzen auf, und das Dämchen hat das Weite gesucht. Dafür bin ich ihr außerordentlicher dankbar.
Als ich meinen Blick aufs Geratewohl schweifen lasse, gewahre ein Häuflein von Frauen und Männern, die finster dreinblicken, als hätte es ihnen die Petersilie verhagelt. Sie bilden einen großen Kreis um mich herum, und ich bin sozusagen der Mittelpunkt in dieser Runde. Ich staune nicht schlecht, denn alle, so wie sie nun dastehen, haben Weidenruten mitgebracht. Ich verhalte mich mucksmäuschenstill, aber mir schwant, dass ich über kurz oder lang vom Regen in die Traufe komme. Da sagt der Anführer: "Wenn ihr dann soweit seid, geht  es los! Und vergesst nicht, für jeden, der euch jemals im Leben wehgetan hat, einmal mit der Weidenrute auf diesen Stein zu schlagen. Und nur nicht zu zaghaft, wenn ich bitten darf." Der Aufforderung folgt unverzüglich die Tat, und ausnahmslos alle Teilnehmer, die sich etwas von der Seele prügeln wollen, verausgaben sich bis zur völligen Ermattung, um sich auf meine Kosten Gerechtigkeit zu verschaffen. Nach einer Weile  gibt der Anführer ein Zeichen, spricht eine  allgemeine  Belobigung aus und sammelt die Weidenruten wieder  ein. Die Frauen und Männer fallen sich quietschvergnügt um den Hals,  einer nach dem anderen tritt einen Schritt vor und klopft sich selbst auf die Schulter. Das finde ich ein wenig exzentrisch.
Trotz ihrer Flausen, die ich  mittlerweile  gründlich  erforscht habe, sind die Menschen doch ganz passable Wesen, wenn man ihre Geduld nicht zu sehr auf die Probe stellt und ihnen nicht die Laune verdirbt. So verhält  es  sich zumindest nach meiner Meinung als Stein. Wie andere Steine darüber denken, weiß ich nicht. Seitdem  ich  damit  anfangen  habe, sie vom Scheitel  vis zur  Sohle  abzuklopfen, habe ich gelernt, den Menschen gegenüber nachsichtig und gütig zu sein. Unter einer Bedingung, dass sie, wenn sie mich besuchen kommen, ihren Müll mitnehmen und keine Zigarettenstummel auf mir ausdrücken! Dann können die Menschen und ich sogar richtige Freunde werden. Denn schließlich ist mein Herz nicht aus Stein.
 

Elfi und Jonathan

"Guten Morgen, Elfi, ich hoffe, dass Sie einigermaßen geschlafen haben und Ihre Nachtruhe nicht durch ein Unwohlsein oder dergleichen getrübt war. Ich hörte Sie einige Male seufzen. Vielleicht war es auch nur ein unerquicklicher Traum oder gar eine trügerische Hoffnung?"
"Gewiss doch, Jonathan", erwiderte Elfi, "das ist mir ein wenig unangenehm. Es ist nicht so schlimm, wie Sie vielleicht denken. Das kommt und geht, so wie eine gewöhnliche Erkältung, die sich für einige Tage einnistet und dann weiterzieht. Habe ich Sie sehr gestört? Bestimmt war es nicht das erste Mal."
"I wo", versuchte Jonathan Elfi zu besänftigen, "auf die Nuancierung kommt es an. Das Seufzen, meine ich. Es klang eher wie ein gefühlvoller Bogenstrich, der sich auf meine Seele legte und dort noch für eine Weile nachklang. Schließlich habe auch ich meine Eigenheiten. Da wäre zum Beispiel meine unliebsame Gewohnheit, nächtens einen ganzen Wald durchzusägen - Sie wissen schon."
"Das rechne ich Ihnen hoch an, dass Sie das sagen", erwiderte Elfi. "Ich werde Ihre Schmeichelei als einen Freundschaftsbeweis werten und ihn zusammen mit den anderen in meiner geistigen Schublade aufbewahren, um ihn dort sozusagen konservieren.  Und auf der Stirnseite der Schublade steht in Großbuchstaben 'JONATHAN'."
"Das wäre mir nicht in den Sinn gekommen!", rief Jonathan erfreut und zwinkerte Elfi vertraulich zu. "Ich habe nämlich auch eine solche 'geistige Schublade', wie Sie es nennen, und auf der steht 'ELFI'. Meine Sammlung betreffs Ihrer an mich gerichteten Komplimente ist schon recht ansehnlich."
Natürlich wusste Elfi längst,  dass auch Jonathan eine derartige Schublade besaß, doch für Jonathan und Elfi war es ein beiderseitiges Bekenntnis, dass sie einander nicht gleichgültig waren.
Da wurde Jonathan mit einem Male ernst: "Was glauben Sie, wann werden sie kommen, um uns abzuholen? Wie viele Tage werden uns noch bleiben? Ab einem bestimmten Alter geschehen mitunter merkwürdige Dinge, da läuft es mir kalt den Rücken runter."
"Gewiss doch, Jonathan", sagte Elfi, "die Jahre sind über uns gekommen und die Zeit hat uns in der Zange. Das, was zählte, hat die  Vergangenheit geholt."
"Was haben wir früher nicht alles, Sie und ich, gesehen! Davon ist einiges hängengeblieben."
"Gewiss doch Jonathan. Ich denke, die Menschen haben ihre Eleganz verloren. Sie reden und bleiben dabei trotzdem stumm. Sie gehen nicht aus sich heraus und wirken so teilnahmslos gegenüber allem und jedem, dass es zum Himmel schreit! Wann, mein lieber Jonathan, haben Sie zuletzt einen Menschen lachen gehört? Ein Lachen, geradeheraus und ohne Verstellung, das andere ansteckt und die Menschen auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Wann, mein lieber Jonathan, haben Sie zuletzt jemanden, der in ein Buch  vertieft war, gesehen?" Elfi musste nach ihrer leidenschaftlichen Rede eine Weile verschnaufen.
"Was ihre erste Frage angeht, da muss ich leider passen", warf Jonathan ein. "Aber bezüglich Ihrer zweiten Frage ist mir gerade wieder etwas eingefallen, was ich längst verloren glaubte.
"So, was denn?", fragte Elfi neugierig. 
"Erinnern Sie  sich noch an die Halbwüchsige, die vor einiger Zeit mit einer vornehmen  Dame - wahrscheinlich war es ihre Mutter - spazieren  ging? Beide ließen sich direkt vor unserer Nase nieder, inmitten von Gänseblümchen und Vergissmeinnicht, und dann las die Mutter dem Mädchen aus einem Buch vor. Es waren Lenaus Gedichte, daran erinnere ich mich noch genau. Was für wunderbare Verse!"
"Unvergleichlich und außergewöhnlich, und erst die Schilflieder", fügte Elfi hinzu, "ich habe jedes Wort geradezu verschlungen. Das ist bei mir ebenfalls hängengeblieben, mein lieber Jonathan, wenn ich mir Ihre Formulierung zu eigen machen darf. Ach, Jonathan, Sie wirken heute etwas bleich. Mir ist nicht entgangen, wie sehr das alles an Ihnen nagt. Ich versuche, dem Ganzen eine andere Denkrichtung zu geben, es kleinzureden, doch der Erfolg ist mäßig."
Jonathan beugte sich etwas vor, um ganz nahe bei Elfi zu sein. "Sie werden kommen, früher oder später, und uns einander wegnehmen. Die Mühlen der Obrigkeit mahlen langsam, jedoch gewissenhaft. Sie dulden keine  Unterbrechung und bleiben niemals stehen, daran gibt es nichts zu deuteln", sagte Jonathan traurig und sah zu Elfi auf. "Ich habe einen letzten Wunsch, den ich lange aufgespart habe. Was meinen Sie, dürfte ich Sie umarmen, hier und jetzt?" "
"Gewiss doch, Jonathan, das ist ein respektierlicher Wunsch, so fabelhaft wie warmherzig, dem ich nur allzu gern entspreche", versicherte Elfi und versuchte ein Lächeln. Und sie fielen sich in die Arme, für eine scheinbare Ewigkeit, sodass es Elfi beinahe wehtat.
In dieser tröstlichen und zärtlichen Umarmung, die vor aller Augen geschah, sieht der Besucher Elfi und Jonathan auch heute noch. Zwei altehrwürdige Eichen, die man wegen ihrer Schönheit und Anmut an ihrem Platz beließ und für  die  man eine Gedenktafel mit einer Inschrift aufstellte. Die Stätte wurde zu einem Pilgerort für viele Menschen, die nach Versöhnung und einem Neuanfang für sich suchten.



Fotos (Projekt A)



Fotos (Projekt B)



Poetische Fotografie – Der Versuch einer Annäherung

Es gibt heutzutage eine beachtliche Fülle an beeindruckenden Fotofiltern und Bildoptimierungsprogrammen, mit denen Fotos am heimischen PC bearbeitet werden können. Eine Vielzahl an vorgegebenen Einstellmöglichkeiten, mit denen das zu bearbeitende Bild den letzten Schliff erhält, komplettieren das Interieur. Das Bild als eine Art Gefühlsträger des subjektiven Ichs, das sich in aller Regel an einen nicht näher bezeichneten Adressaten wendet, erlangt dabei die Funktion einer eigenständigen und codierten Botschaft, wobei es dem Betrachter obliegt, die Anspielung zu enträtseln und je nach der Bedeutungszuweisung in die eigene Lebensästhetik einzubetten. Das Foto vermag aber auch allein durch seine Wirkung den Zuschauer in seinen Bann zu schlagen, ihn zu becircen, zu betören oder zu beseelen. Dabei wird zumeist ein emotionaler Reiz auf den Betrachter ausgeübt, dem dieser sich nur schwerlich entziehen kann. Und zuweilen, der Eingeweihte erahnt es bereits, scheint zwischen den beiden, dem Bild und dem Betrachter, eine beinahe vertrauliche Harmonie zu walten, eine Einmütigkeit oder ein flüchtiger Gedanke, den es zu bewahren gilt. Das Bild, das mit dem innerem Auge Geschaute, das uns wachrüttelt, uns tröstet und uns zugleich ermuntert, es ihm beispielgebend gleichzutun, damit wir es nicht aus dem Gedächtnis verlieren und es in unserer Erinnerung erhalten bleibt. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die uns ein Leben lang bereichert. In einigen Jahrzehnten werden sich die Aktivitäten der Menschen wegen der sich stetig verändernden Umstände sehr wahrscheinlich immer mehr von draußen nach drinnen verlagern und es ist nicht auszuschließen, dass per künstlicher Intelligenz gesteuerte virtuelle Realitäten, wie wir sie bereits heute kennen, künftig die Lebensgewohnheiten und das Freizeitverhalten der Menschen dominieren werden. Zwischenmenschliche Beziehungen und damit einhergehende soziale Interaktionen werden womöglich dann einen ganz anderen Stellenwert als heute haben. Wie werden Menschen in einhundert Jahren Bilder sehen, mit welchem Bewusstsein werden sie sie sehen und mit welchen Inhalten werden sie diese assoziieren?

Zum Schluss möchte ich einen berühmten Ausspruch des Schriftstellers Antoine de Saint-Exupery aus "Der kleine Prinz" zitieren: Man sieht nur mit dem Herzen gut.

    Stefan Rohde im Juni 2025       


Alle Fotos stammen im Original von Stefan Rohde. Diese wurden mit verschiedenen Bearbeitungs- und Filterprogrammen gestaltet.



Eine Auswahl an Fotos und Texten gibt es auch in Buchform. Bei  Interesse können Sie sich gern an mich wenden.

Einen weitaus größeren Teil meiner Fotos können Sie sich bei YouTube unter

www.youtube.com/watch?v=KrbIoznT8e8&t=622s

bzw. Stefan Rohde / Meine schönsten Fotos (Filmlänge knapp 22 Minuten) anschauen.


Hier noch drei kleine musikalische Häppchen,

die ich vor längerer Zeit neben einigen anderen mit einem Sampler "komponiert" habe.



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